Spurensuche in Vietnam : Im Königreich der Cham

Die vietnamesische Filmemacherin Nguyen Trinh Thi zeigt in der DAAD-Galerie die Ergebnisse ihrer Recherchen in der Provinz Ninh Thuan.

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Futuristisch. Filmstill aus „Letters from Panduranga“. Foto: Nguyen Trinh Thi
Futuristisch. Filmstill aus „Letters from Panduranga“.Foto: Nguyen Trinh Thi

„Noch suche ich einen Weg, hineinzukommen“, sagt die Stimme in Nguyen Trinh This Film „Briefe aus Panduranga“. Gemeint ist der Zugang zum Volk der Cham, einer ethnischen Minderheit in Vietnam. Heute leben die letzten Cham in der Provinz Ninh Thuan, ihre Tempel sind Unesco-Weltkulturerbe und Touristenattraktionen. Nicht wenige Historiker behaupten, das 2000 Jahre alte Königreich Champa, von dem die Cham abstammen, habe nie existiert. Ein Volk ohne Geschichte, ohne Land?

Die in Hanoi beheimatete Filmemacherin, derzeit Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms des DAAD, hat einen sensiblen und selbstkritischen Film über das verleugnete Territorium und seine Bewohner gemacht. Was kaum öffentlich diskutiert wird: Die vietnamesische Regierung lässt ausgerechnet im Cham-Gebiet bis 2020 zwei Atomkraftwerke bauen. Eben dies war eigentlich der Aufhänger für Nguyen Trinh This Recherche. Doch die Ausrichtung änderte sich. Eine Voice-Over-Stimme liest nun aus dem Briefwechsel zwischen einem Mann und einer Frau, die sich über ihre Reisen und Filmvorhaben austauschen.

Eine Frage taucht immer wieder auf: Wie kann die Filmemacherin als Außenstehende über andere berichten? Vermittelt sich deren Geschichte besser über Porträts und persönliche Erzählungen - oder über Landschaften? Letztlich zeigt Nguyen Trinh Thi, die sonst viel mit Landschaft arbeitet, beides: lange Einstellungen auf Personengruppen. Close-Ups von Frauen und Männern. Landschaftspanoramen, mit und ohne Menschen. Der Film kombiniert eigenes Material, Gefundenes und historische Fotos, die in die Kamera gehalten werden.

Trinh Thi, die in den USA Journalismus und Fotografie studierte, gehört in Vietnam zu einer kleinen Gruppe unabhängiger Filmemacher. 2009 gründete sie das „Hanoi Doclab“, ein bis heute singuläres Zentrum für Dokumentarfilme und Videokunst. In essayhaften Filmen und Installationen portraitiert die 1973 Geborene oft Außenseiter der vietnamesischen Gesellschaft. Sie begleitete etwa einen Guru der Religion Dao Mau, eine Gemeinschaft und Zuflucht für schwule Männer, was offiziell nicht so kommuniziert wird. Es sind Themen, die den vietnamesischen Kulturbehörden nicht gefallen. Die Zensur verhindert viele kritische oder unbequeme Filme. Zwar wurde „Briefe aus Panduranga“ im Goethe-Institut in Hanoi schon gezeigt, ansonsten wird der Film seine Zuschauer wohl außerhalb Vietnams finden müssen.

Nguyen Trinh Thi erzählt elegant und mit poetischen Bildern von einem sich fortschreibenden Kolonialismus, von Repräsentation, Ausgrenzung und Macht. Eine zweite Arbeit, eine Diaprojektion mit gefundenen Zeitungsbildern, vertieft das Thema der unsichtbaren Geschichte. In vietnamesischen Zeitungen ist es gang und gäbe, dass Fotos von Menschen veröffentlicht werden, die mit dem Finger auf ein Stück Natur oder Stadtlandschaft zeigen, meistens Orte, an denen etwas Schreckliches passiert ist. Allerdings sind die Spuren der Unfälle und Verbrechen bereits verschwunden. Die Künstlerin hat solche Zeigefingerbilder im Internet gesammelt und in eine raffinierte Dramaturgie gebracht.
Bis 19.3., daadgalerie, Zimmerstr. 90/91, Mo-Sa 11-18 Uhr

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