Kultur : Spurensuche

Karen Oostenbrinks Erinnerungskunst in Berlin

Christina Tilmann

Ein Passfoto zeigt ein blasses, ernstes Kind. Dunkle Haare. Dunkles Kleid. Heller Kragen. Ein Feiertags-Feingemacht-Foto. Walja Filatova lebt in Alma-Ata, heute Almaty, in Kasachstan. In den sechziger Jahren führte sie eine Brieffreundschaft mit einem Mädchen aus Roßleben in Thüringen. „Liebe Marion“, beginnen ihre Briefe, und erzählen von Ferienlagern und Schlittschuhfahren, von Frühlingsbeginn und Schulsorgen, und enden immer „Schreib mir bald wieder“. Sie erzählen nicht viel, diese Briefe. Eine Pflichtübung, verordnet von Völkerfreundschafts-Instanzen. Und ist über die Jahre vielleicht doch eine geliebte Übung geworden. Zwei-, dreimal haben Walja und Marion einander besucht. Die Freundschaft hat gehalten, bis in die achtziger Jahre hinein.

Karen Oostenbrink, eine junge niederländische Künstlerin, die vor einem Jahr nach Berlin gezogen ist, hat diese Briefe von Walja an Marion auf dem Flohmarkt gefunden. 60 an der Zahl, alle auf Russisch, geschmückt mit Fotos und Bildern, datiert auf die Jahre von 1962 bis 1968. Und weil Oostenbrink sich schon in den Niederlanden mit Recherchen zu einer niederländischen Fabrikantentochter beschäftigt hatte, fängt sie auch in Berlin an zu suchen, nach Spuren, Erinnerungen und Schulfreunden von Marion Kunzmann. Nach den Eltern, nach Verwandten, nach ihr selbst natürlich. Aber auch nach Walja, im fernen Alma-Ata.

Am Ende war es ein Zufallsfund, der weiterführte. Eine Schulfreundin, die Kontakt gehalten hat mit Marion Kunzmann, bis zu deren Tod im vergangenen Frühjahr. Das Klingelschild im Nikolaiviertel, das noch nicht abmontiert war. Eine Nachbarin, die mit Marion befreundet war und bereit war zu erzählen. Und schließlich: die Eltern in Dresden. Die 18 Jahre jüngere Schwester Anja. Ein Tagebuch von Marion taucht auf, das die Zeit umfasst, in der sie die Briefe nach Russland schrieb. Und ein Holzkästchen, von Walja als Weihnachtsgeschenk geschickt, von Marion mit ihrem Namen gekennzeichnet.

In der Erinnerungsarbeit „Für Marion von Walja“, die Karen Oostenbrink in der jungen Berliner Produzentengalerie Komet in der Brunnenstraße zeigt, liest Marions Schwester Anja in einer Videoinstallation aus dem Tagebuch. Liest aus Waljas russischen Briefen. Ein seltsamer Dialog ist das, über die Sprachen, die Zeiten hinweg. In Anja Kunzmanns Stimme hört man Neugier, Amüsiertheit, Wiederentdecken. Sie kannte ihre 18 Jahre ältere Schwester kaum.

Eine alltägliche Geschichte. Eine private, eine fremde Geschichte. Vielleicht brauchte es eine Künstlerin, die mit 23 Jahren jung genug ist, um neugierig auf die Vergangenheit zu sein, um den Dialog aufzunehmen mit der ihr unbekannten Frau aus diesem Land, das es nicht mehr gibt. Eine Künstlerin auch, die sensibel genug ist, aus diesen Jugendbriefen, einem Tagebuch und ein paar alten Fotos eine anrührende Erinnerungsarbeit zu machen. Für eine Zeit, die vorbei ist, samt ihrer stolzen Lenindenkmäler, von denen Walja Postkarten schickt aus Alma-Ata. Vorbei auch die Jugendträume der Mädchen. Von einem Verehrer, der sie zum Tanz auffordert, schreibt Marion in ihrem Tagebuch. „Das war’s. Geheiratet hat sie ihn nicht“, kommentiert die Schwester. Christina Tilmann

Galerie Komet Berlin, Brunnenstr. 165, bis 16. Februar, Di bis Sa 12 bis 18 Uhr.

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