Kultur : sss

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Martenstein verrät die

ganze Wahrheit über Filmkritiker

Wenn ein Kritiker sagt: „Der oder jener Film ist zum Speien“, gehe ich meistens rein. Der betreffende Film besitzt die Kraft, Emotionen zu wecken. Vielleicht mag ich ihn, oder ich ärgere mich, das ist dann auch okay. Mittelmäßige Filme sind furchtbar. Über „Cold Mountain“ sagten alle: „Mittelmäßig.“ Ich hatte ein Karte, bin aber lieber in „Folle Embellie“ mit Miou-Miou und Jean-Pierre Léaud gegangen. Grauenhaft, wenn Sie mich fragen.

Eine Zeitlang war ich hauptberuflich im Kritikerbusiness. Ob einem ein Film gefällt oder nicht, hängt oft mit Sachen zusammen, die man nicht schreiben kann. Biografische Sachen. Ich kann nicht schreiben: „Die Hauptdarstellerin redet genau wie P., an die ich mich ungern erinnere, da war ich von Anfang an gegen den Film.“ Wenn man sich als Kritiker auskennt, findet man immer was, worauf man den Ärger schieben kann, Drehbuch, Kamera, so was.

Dabei sind perfekte Filme so langweilig wie perfekte Menschen. Perfekte Filme finde ich zum Gruseln wie die blonden Alien-Kinder in diesem Horrorfilm.

In „Confidences trop intimes“ sieht der Hauptdarsteller aus wie Berti Vogts. Dann trat ein geldgieriger Psychoanalytiker auf. So einen kannte ich mal! Ein Meisterwerk.

Filmeschauen ist im Grunde wie Sichverlieben. Wenn es einen erst mal erwischt hat, sind einem körperliche oder charakterliche Mängel egal. Zum Beispiel „Before Sunrise“ von Richard Linklater. Einer der vier oder fünf schönsten Liebesfilme, die ich kenne. Spielt in Wien. Nach der Pressevorführung sagte jemand: „Das Wien in dem Film ist total klischeemäßig.“ Stimmt. Aber was soll das? Linklater macht einen der besten Liebesfilme, und so ein Jemand wirft ihm vor, dass er den Facettenreichtum des modernen Wien nicht soziologisch korrekt widerspiegelt? Ist diesem Jemand klar, wie unterirdisch schlecht die Kulissen in „Casablanca“ gebaut waren? Da sah man doch auf den ersten Blick die Pappe! Am Dienstag läuft bei der Berlinale übrigens die Fortsetzung von „Before Sunrise“.

Die Redakteure sagen: „Zu lang, die Glosse! Und hör auf, dauernd das Opfer zu spielen!“

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