Kultur : St. Elisabeth-Kirche: Du sollst dir (k)ein Bildnis machen

Ronald Berg

Kirchen waren schon immer wichtige Medienräume. Denn außerhalb der Sakralräume gab es kaum Bilder. Die Bilder in den Gotteshäusern wiesen über die konkrete Wirklichkeit hinaus. Vom thronenden Christus auf den Mosaiken des sechsten Jahrhunderts in Ravenna über die Glasfenster in den gotischen Kathedralen. In jüngster Zeit aber blieb man bei der medialen Ausstattung der Kirchen seltsam traditionell.

Vielleicht hat der Dänische Architektenverband deshalb den Entwurf des Berliner Büros D:4 mit einem Preis im Wettbewerb "Informationstechnologie und Architektur" ausgezeichnet. D:4, ein auf die Umnutzung von Kirchenbauten spezialisiertes Büro, würde gerne aus der 1835 von Schinkel an der Berliner Invalidenstraße errichteten St. Elisabeth-Kirche eine Medienkirche machen. Durch den Einbau eines semitransparenten Glaskubus (18 Meter lang, zehn breit und vier hoch), auf den von außen allseitig computergesteuerte Videobilder projiziert werden können, wäre es dem Besucher möglich, verschiedene virtuelle Räume zu erleben. Denkbar wäre auch, die im Krieg zerstörte Originalausstattung - wenigstens optisch - wieder auferstehen zu lassen. Das D:4-Konzept einer temporären Medienkirche mit vollkommen reversiblen Architektur als Raum im Raum mit 200 Plätzen würde die weitgehend zerstörte Bausubstanz kaum tangieren, die Kirche schnell wieder bespielbar machen und könnte auch von der Gemeinde für Gottesdienste - mit virtuellem Altarbild - genutzt werden.

Zwar sieht der zuständige Pfarrer Hartmut Scheel keinen dringenden Bedarf für den ursprünglich sogar noch mit zwei Emporen ausgestatteten Kirchenraum, hat aber der Nutzbarmachung der Kirche auf Wunsch der Evangelischen Landeskirche zugestimmt. Im Moment wird der Bau mit zwei Millionen Mark von der Stiftung Denkmalsschutz gesichert und winterfest gemacht. Für den Einbau von Fenstern, Türen und Heizung rechnen Gemeinde und Land Berlin fest mit 5,4 Millionen Mark aus EU-Mitteln - den mittlerweile bekannten Efre-Mitteln zur Regionalförderung. Wie man St. Elisabeth am Ende nutzen will, das weiß aber bisher keiner. Zwei Ideen, die Einrichtung eines Zentrums für alte Musik und die unterirdische Erweiterung der Kirche zu einer Kunsthalle, sind in der Vergangenheit bereits in der Planungsphase gescheitert.

Das gleiche Schicksal droht nun auch der Medienkirchen-Idee von D:4. Denn für die dreijährige Rekonstruktion des Gotteshauses mit Mitteln des europäischen Regionalfonds ab 2002 würde ein Glaskasten im Inneren nur stören. Zwar muss der Antrag bei der EU erst im September abgegeben werden, aber Pfarrer Scheel erklärte nun, er wolle "im Namen aller Beteiligten" dem Büro D:4 absagen. Damit hätten sich die Kirchenhirten die wohl einmalige Chance genommen, sich mit einem Gotteshaus wieder an die Spitze der Medienentwicklung zu setzen wie einst im Mittelalter. Einen vergleichbaren Mulimedia-Raum gibt es bisher nirgendwo auf der Welt, sagt Marcus Nitschke von D:4. Aber offenbar denkt man lieber an Stein und Rekonstruktion als an Glas und Innovation.

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