Kultur : St. Peterburg

St. Petersburg

Christiane Peitz

Leningrad. Petersburg. Petrograd. St. Petersburg. Fünf Millionen Einwohner hatten die Wahl – und entschieden sich für die deutsche Bezeichnung. Seit dem 6. September 1991 heißt die Stadt an der Newa wieder St. Petersburg. Vielleicht lag es an der Liebe zur deutschen Prinzessin, die, kaum dass sie nach Russland verheiratet wurde, die Stadt umkrempelte, Ý Katharina die Große wurde, Baumeister aus Italien holte, Macht an sich riss, sich legendär viele Liebhaber hielt und dabei auch noch gebildet war. So ähnlich ist St. Petersburg auch: zu schön, um wahr zu sein. Wegen des unwirklichen Lichts. Wegen der Prachtstraßen, der Konsumtempel und der wieder aufgemöbelten Luxuspassagen. Und wegen des Sumpfes, auf dem Peter der Große die Stadt vor exakt 300 Jahren errichten ließ. Vorher war dort: nichts. Man spürt das, wenn man über den Newskij-Prospekt läuft. Wer die Augen schließt, bekommt sofort Angst, dass der Spuk sich auflösen könnte. Aber außer dem Bernsteinzimmer ist alles noch da: die Spuren der Oktoberrevolution (Ý Aurora), Ý Puschkins Denkmal, Nabokovs Geburtshaus, Dostojewskijs Heumarkt. Und die uralten Mütterchen, die die Belagerung der Nazis überlebt haben. 900 Tage, mindestens eine Million Tote. Manche nennen St. Petersburg auch die verdammte Stadt. Wegen der Gewalt, die schon ihrer Gründung innewohnte. Aber wenn um zwei Uhr nachts die Newa-Brücken für die Schiffe hochgeklappt werden, träumen vielleicht auch die Inselgötter.

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