Staatliche Ballettschule: Der Neubau von gmp : Ein Haus tanzt sich ein

In Prenzlauer Berg ist für die Staatliche Ballettschule ein einzigartiger Komplex entstanden. Jetzt wurde er mit einem Neubau des Büros gmp vollendet.

von
Panoramablick. Der Neubau des Büros gmp.
Panoramablick. Der Neubau des Büros gmp.Foto: Gerkan, Marg und Partner/Marcus Bredt

Schade um die Piraten, die so wunderbar tanzen können. Am Ende geht ihr Schiff unter. Aber die Entführten Konrad und Medora können sich retten, und so ist das Happy End gesichert – so, wie es sich für eine Ballettgala gehört. „Le Corsaire“ heißt das prächtige Stück, es basiert auf einem Gedicht von Lord Byron. Das Ensemble, das es im Juni an der Staatsoper im Schillertheater zur Aufführung gebracht hat, ist freilich keine etablierte Compagnie. Vielmehr handelt es sich um die Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin.

Sie kommen aus Prenzlauer Berg. Dort, in der Erich- Weinert-Straße, ist in den vergangenen Jahren ein Schulkomplex entstanden, der einzigartig ist, nicht nur für Deutschland. Ungewöhnlich vor allem die organisatorische Zusammenfassung der 1951 in der Niederlagstraße als Fachschule für Künstlerischen Tanz gegründeten Ballettschule mit der Schule für Artistik, deren Anfänge 1956 in der Friedrichstraße lagen. Der Zusammenschluss erfolgte 1991, er hat zum Ziel, dass die Unterrichtsstunden, aber auch manche Fachdisziplinen gemeinsam absolviert werden können. Zudem gibt es Schüler, die beide Welten miteinander verbinden, die gerne tänzerisch versierte Artisten oder Tänzer mit artistischen Fähigkeiten sein wollen.

Zum gemeinsamen Standort wurde damals ein Schulkomplex in Prenzlauer Berg erkoren. Als erster Neubau auf dem Campus konnte 2002 die von Christoph Langhof geplante Übungshalle für die Artisten in Betrieb genommen werden, ein architektonisches Schmuckstück. Den Wettbewerb für den Ballettschulbereich gewann das Büro gmp Architekten von Gerkan Marg und Partner im Jahr 1995. Inzwischen steht der neue Bau mit den Ballettsälen, die Schule aus DDR-Zeiten ist saniert. Zum Ende der Ferien wird jetzt das Wohnheim bezogen, der letzte Baustein im Ballettschulkomplex.

Star der Anlage ist die haushohe Halle, die zwischen dem Altbau und dem neuen Saalbau vermittelt, ein durch runde Lichtdome von oben erhellter, strahlender Raum, der bereits mit seinem Schwung zur Bewegung animiert. Schon hat man Haltestangen an die Brüstungen montiert, weil sich die Eleven gern auf den Galerien eintanzen, auf halbem Weg zwischen Umkleideräumen und Übungssälen.

Die Schaufenster gestatten eine Panoramablick auf die Stadt

Die Umkleide- und Duschräume haben die Architekten auf jeder Etage des viergeschossigen, einhüftig erschlossenen ehemaligen Schulbaus direkt an die Schulflure angebaut, um die Wege möglichst kurz zu halten. Denn die Schüler wechseln mehrmals täglich vom Schul- zum Tanzunterricht. Über die Brücke in der Halle geht es hinüber zu den Räumen im Neubau. Dort stehen auf zwei Etagen neun Säle zur Verfügung, ausgerüstet mit allem, was der Tanzunterricht an elastischem Boden, Spiegelwänden, Haltestangen und Hilfsgerätschaften, Beleuchtung und Musikanlagen benötigt. Auch sind sie mit Schaufenstern ausgestattet, zum Flur hin ebenso wie mit Panoramablick auf die Stadt. So leuchten die Säle abends in die Ferne und erlauben Anteilnahme an den Aktivitäten im Haus. Mit ihren schwarzen, perspektivisch wirkenden Rahmungen nehmen sich die Fenster auf der weißen Nordfassade aus wie die Bilder einer Ausstellung.

Für Aufführungen ist der größte Saal im Erdgeschoss vorgesehen, ausgestattet mit Bühnentechnik und einer kleinen Tribüne mit 100 Plätzen. Aber besonders beliebt sind die Auftritte im Freien. Die Berliner Landschaftsarchitekten Bernard und Sattler gestalteten das grüne Passepartout der Architektur als Spiel- und Erholungslandschaft, zu dem auch ein abgesenkter Tanzboden gehört.

Der dynamisch beschwingte Saalneubau setzt einen kreativen Akzent im ansonsten sachlich-orthogonalen Gebäudeensemble der Schule, zu dem noch die flache Mensa an der Nordseite zur Gubitzstraße hin gehört, sowie der durch einen Wandelgang angebundene jüngste Bauteil. Er beherbergt Werkstätten, eine Hausmeisterwohnung und den Wohntrakt des Internats. Dass hier dann doch der Rotstift regiert hat, sieht man an den extrem wirtschaftlichen, regelhaften Grundrissen und dem schnörkellosen Innenausbau. Dennoch hat es für wohnliche Holzfenster gereicht, auch konnten die Zimmer des Wohnheims mit individuell entworfenen Möbeln ausgestattet werden.

Schulleiter Ralf Stabel und der künstlerische Leiter Gregor Seyffert freuen sich nun, im „modernsten, größten und bestausgestatteten Ballettausbildungszentrum des Landes“ beste Voraussetzungen für ihre Arbeit zu finden. Es gibt sie also noch: positive Signale aus dem Berliner Schulwesen, das ansonsten durch Schulreformen im Halbjahrestakt, vor allem aber durch verschlissene Bausubstanz, untragbare sanitäre Verhältnisse und unzureichende Ausstattungen der Gebäude Schlagzeilen macht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben