Kultur : Staatliches Museum Schwerin: Weißt du, was die Wolken erzählen?

Klaus Hammer

Goethes Auftrag für Wolkenstudien hatte Caspar David Friedrich 1816 strikt abgelehnt. Er fürchtete, dass durch eine solche Verwissenschaftlichung die Kunst ihre elementare seelische Aussagekraft verlieren würde. Für Goethes Anliegen, die Natur von ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten her zu erfassen, hatte der Maler kein Verständnis. Wolken, Mond und Lichterscheinungen, Ruinen, Steinsetzungen und Gräber waren für ihn bedeutungsvolle Stimmungsträger, visionäre Erlebnisse, Symbole von Dauer und Vergänglichkeit.

Das Staatliche Museum Schwerin vergleicht nun Landschaftszeichnungen von Friedrich mit denen des 14 Jahre jüngeren Norwegers Johan Christian Dahl. Beide Künstler studierten an der Akademie in Kopenhagen und ließen sich dann für immer in Dresden nieder, das sie zu einem Zentrum der Landschaftsmalerei entwickelten. Sie führten einen zwei Jahrzehnte währenden Dialog bis zum Tod Friedrichs 1840. Beide haben sich in Form von Skizzen und Studien ein großes visuelles Vokabular angelegt, das dann die Vorlage für ihre im Atelier geschaffenen Gemälde bilden sollte. Bei Friedrich ist das für fast jedes Werk nachzuweisen. Ein wunderbares Beispiel ist die Studie nach dem "Blick über den Bug eines segelnden Schiffes" von 1818, die später versatzstückartig in das Gemälde "Auf dem Segler" eingegangen ist. So wie Friedrich die pommersche Landschaft bekannt gemacht hat, entdeckte Dahl Norwegens Fjorde, Küsten und Felsformationen. Nur nach Italien ist Friedrich dem Freund nicht gefolgt. Denn er beschränkte nicht nur die Gegenstände auf seinen Bildern rigoros, sondern hielt auch seinen Lebenskreis bewusst eng.

Gemeinhin wird Friedrich als Wegbereiter der Romantik und Dahl als Vorläufer der unmittelbaren Naturbegegnung in der Malerei des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Das gilt besonders für die weichen und tonigen Pleinair-Skizzen des Norwegers, seine aquarellierten Bleistift- und Federzeichnungen vom Golf von Neapel, seine pastos gemalten Wolkenstudien, deren Frische oft Impressionistisches vorwegnimmt. Obwohl sich Dahl eng mit Friedrich verbunden fühlte, hielt er am Naturbild fest und bildet so den Gegenpol zu dessen Kunst.

Friedrich hat Bildfiguren geschaffen, die für immer in der Kunstgeschichte verankert sein werden: Baum und Wald, Fels und Weg, Höhle und Tor, Ruine und Grab, Mond und Wolken. Zeichenhaft werden sie zu Symbolen oder Hieroglyphen, in denen das Nicht-Fassbare verständlich gemacht werden soll. Die leere Fläche lädt die Dinge geradezu mit Bedeutung auf; Wirklichkeit wird so konzentriert, dass sie überkippt in ein Bedeutungsfeld jenseits des Visuellen. Caspar David Friedrichs Ziel ist das zum Gefühlserlebnis gesteigerte Naturbild, die visionäre Schau. Der Himmel steht da wie eine imaginäre Wand, von unermesslicher transparenter Gespanntheit.

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