Kultur : Staats-Examen

Der große Vorsitzende – oder wie die politische Philosophie Berlusconis die Abiturthemen in Italien prägt

Clemens Wergin

Von Chinas Großem Vorsitzenden lernen, heißt herrschen lernen. Das mag sich Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi gedacht haben, als er ein Zitat von sich in der diesjährigen Abiturprüfung interpretieren ließ. Denn das ist eine Methode, die die Chinesen perfektioniert haben: Jeder große Führer entwickelt eine eigene Philosophie, die dann in endlosen Zeitungs- und Schulaufsätzen ausgelegt wird. Auch wenn etwa die Theorie des letzten Großen Vorsitzenden Jiang Zemin von den „Drei Vertretungen", den „Drei Betonungen" und der „Herrschaft durch Tugend" sich nicht jedem auf den ersten Blick erschließt.

Berlusconis liebt die Philosophie. Wie er den Italienern vor den letzten Wahlen in einer Hochglanzbroschüre mitteilte, liest er im Kreis seiner Manager und Freunde im Urlaub am liebsten mittelalterliche Denker wie Averroes, Augustinus oder Meister Eckhart. Kein Wunder also, dass auch seine Politik nicht ohne philosophisches Fundament auskommt. Es lässt sich am besten in drei Hauptsätzen des berlusconianischen Denkens zusammenfassen. Die da lauten:

– Der Große Vorsitzende kann alles.

– Kommunisten sind böse.

– Wer Berlusconi kritisiert oder gar anklagen oder verurteilen will, ist ein Kommunist.

Unter den freien Aufsatzthemen für das Zentralabitur in Italien finden sich dieses Jahr drei Aufgaben, die jene drei Axiome zum Thema haben. Zunächst der Führer als allumfassender Experte: Berlusconi hat sich im Wahlkampf als Arbeiter-Premier, dann wieder als Handwerker-Premier gegeben. Er schien alles im Leben schon mal gemacht zu haben – und mit Erfolg. Am besten packt er deshalb alles selbst an. Über den TV-Unternehmer, der noch selbst zum Kulissenschieben ins Studio kam, hat ein italienischer Journalist einmal gesagt, „wenn Berlusconi Titten hätte, würde er auch die Ansagerin machen“. Da wundert es nicht, dass Berlusconi auch der führende Wasserexperte dieser Welt ist. Unter der Überschrift „Das Wasser, Ressource und Quelle des Lebens“ durften sich die Abiturienten Gedanken machen über ein paar denkwürdige Sätze des Großen Vorsitzenden. Die beginnen mit den tiefsinnigen Worten: „Damit es Lebensmittel gibt, muss es Wasser geben.“ Wie wahr.

Über die Verbrechen der Kommunisten durften sich die Schüler auch auslassen, unter dem Motto: „Der Terror und die politische Unterdrückung in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts“. Textgrundlage war ein Zitat aus dem „Schwarzbuch des Kommunismus“. In der Passage konnte man zwar auch etwas über die politischen Gefangenen des Faschismus in Italien lesen. Aber nichts von den durch das Regime Ermordeten oder gar von den italienischen Rassengesetzen.

Ein gemütlicher, verkannter Totalitarismus war das damals unter Mussolini. Deshalb lässt der postfaschistische Koalitionspartner Berlusconis gerade die Schulbücher zum Faschismus in Italien umschreiben. Mal sehen, ob die Abiturienten die neue Lektion gut gelernt haben.

Tja, und dann noch die leidigen Richter und Staatsanwälte von Mailand – oder das dritte Axiom. Überraschendes Aufsatzthema: „Ist Poesie noch möglich in einer Gesellschaft der Massenkommunikation?“ Grundlage ist ein Text von Massimo Gramellini, Redakteur der Turiner Tageszeitung „La Stampa“. Der schreibt über einen Gedichtwettbewerb in einem Mailänder Hotel namens Pio Albergo Trivulzio. Allerdings werden die Abiturienten ihre Mühe gehabt haben, die Ironie der kleinen Geschichte zu verstehen. Denn der dezente Hinweis Gramellinis, dass es sich um das Hotel handelte, in dem der Tangentopoli-Skandal begann, wurde von der Schulbehörde getilgt. In weiser Voraussicht wahrscheinlich. Schließlich sind die Mailänder Korruptionsprozesse mit dem gestern verabschiedeten Immunitätsgesetz wirklich Geschichte.

Jetzt warten Italiens Schüler gespannt auf eine Weiterentwicklung der berlusconianischen Philosophie im nächsten Jahr. Dann vielleicht mit einem Zitat des Großen Geografen Berlusconi zum Thema: „Warum liegt Italien kurz vor China?“

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