Staatsballett tanzt „Maillot/Millepied“ : Wir streben himmelwärts

Das Staatsballett Berlin überzeugt mit dem neoklassischen Choreografie-Doppel von Jean-Christophe Maillot und Benjamin Millepied in der Deutschen Oper.

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Szene aus „Daphnis et Chloé“ von Benjamin Millepied.
Szene aus „Daphnis et Chloé“ von Benjamin Millepied.Foto: Yan Revazov

Eine Premiere ohne Tumult und schrille Töne. Das Staatsballett setzt diesmal ganz auf Verführung. Der Doppelabend „Maillot/Millepied“ ist eine Hommage an die französische Tanzkunst und kombiniert zwei gegensätzliche Werke: „Altro Canto“ von Jean-Christophe Maillot (2006) und „Daphnis et Chloé“ von Benjamin Millepied (2014).

Ganz frei von kulturpolitischen Interventionen war aber auch dieser neue Ballettabend nicht. Jean-Christophe Maillot, seit 1993 künstlerischer Leiter und Chefchoreograf der Ballets de Monte Carlo, äußerte sich in der französischen Presse zur Berufung von Sasha Waltz. Er liebe ihre Arbeit, habe aber große Zweifel, ob sie den 80 klassischen Tänzern genügend „Futter“ bieten könne. Der Disput geht also in die nächste Runde.

In „Altro Canto“ schuf Maillot eine tänzerische Liturgie zu barocken Kompositionen von Monteverdi, Marini und Kapsberger. Der dunkle Bühnenraum wird allein durch Kerzen erleuchtet, die aus großer Höhe auf die Tänzer scheinen. Die Tänzerinnen tragen Hosen, die Tänzer treten schon mal im gebauschten Röckchen auf. (Kostüme: Karl Lagerfeld). Doch Maillot geht es nicht nur um die Dualität der Geschlechter, sondern auch um die Spannung zwischen dem Spirituellen und dem Physischen. Anfangs fassen sich zwei Tänzerinnen an den Händen und bilden einen Bogen – der Tanz wird hier zur Andacht. Die Duette sind mal zart-harmonisch und fein ziseliert, mal kraftvoll-zupackend. Auch wenn die Tänzer gen Himmel streben, sind sie doch der Schwerkraft ausgeliefert.

Das Verlangen nach Vereinigung wird mit Finesse inszeniert

Elena Pris tritt als Diva in Schnürcorsage auf. Gleich zehn Männer sind zum Dienst an der Ballerina abkommandiert. Pris setzt ihren Fuß auf den Rücken der Jünglinge und wird emporgewirbelt in Flug- und Tauchbewegungen. Ein Duett zwischen Pris und dem eingeschüchterten Vladislav Marinov hat zunächst etwas Komisches, wird dann aber zum sublimen Dialog. Die beiden bewegen sich gegenseitig mit ihren Händen, ohne sich wirklich zu berühren. Das Verlangen nach Vereinigung wird mit Finesse inszeniert, auch wenn „Altro Canto“ sehr weihevoll daherkommt.

Der Glamourfaktor ist noch höher bei Benjamin Millepied. Der Franzose, der mit der Schauspielerin Natalie Portman verheiratet ist, lebt wieder in Los Angeles, seit er als Ballettdirektor der Pariser Oper zurückgetreten ist. „Daphnis et Chloé“ kreierte Millepied 2014 für die Pariser Compagnie. Dabei gelang ihm eine fabelhafte Umsetzung von Ravels choreografischer Sinfonie. Der Konzeptkünstler Daniel Buren schuf geometrische Formen – einen gelben Kreis, ein rotes und blaues Quadrat, die in ständiger Bewegung sind, sich ausdehnen und überschneiden.

Tanz betört durch Nymphenzauber und heitere Liebesseligkeit

Der Tanz der Geometrie bildet einen Kontrast zu der weich gerundeten, plastischen Bewegungssprache Millepieds, der das neoklassische Idiom geschickt nutzt, aber auch neue Akzente setzt. Elisa Carrillo Cabrera bezirzt als leichtfüßig-elegante Nymphe Chloé, Mikhail Kaniskin hat zunächst etwas Mühe mit dem Part des Daphnis. Doch am Ende beschert er seiner Chloé eine Serie von Höhenflügen. All die Hebe-Variationen haben durchaus etwas Berauschendes. Iana Balova ist eine verführerische Lycéon, Denis Vieria überzeugt als Heißsporn Dorcon. Dinu Tamazlacaru begeistert wieder durch seine Sprungkünste. Die Klangsinnlichkeit der Partitur kommt bei Orchester und Extra-Chor der Deutschen Oper wunderbar zur Geltung. Und auch der Tanz betört durch Nymphenzauber und heitere Liebesseligkeit. Von der Dunkelheit ins strahlend Helle.

Der Abend mit den beiden neoklassischen Choreografien bietet den Berliner Tänzern Gelegenheit, ihre Klasse zu zeigen. Das ist auch dringend notwendig, nachdem das Staatsballett zuletzt vor allem durch Protestaktionen auf sich aufmerksam gemacht hat.

Wieder am 3., 10. und 11. Februar

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