Kultur : Staatsempfang für Sisyphos

Günter Grass reist durch den Jemen und trifft arabische Kollegen. Ein Dichtergipfel mit Kommunikationsstörungen

Andrea Nüsse

Es ist sein erster roter Teppich. Als Günter Grass in der südjemenitischen Stadt Sayun aus dem Flugzeug steigt, empfängt ihn darauf der Gouverneur der Provinz Hadramaut. Mit Blaulicht geht es in Regierungslimousinen weiter zur Wüsten-Stadt Shibam, deren Lehmhochhäuser zum Weltkulturerbe gehören. Zu Beginn der Jemen-Reise hatte Grass gar nicht erst in den eigens reservierten Mercedes steigen wollen – aber schließlich akzeptiert er diesen Luxus: als Ausdruck der Gastfreundschaft.

Der Mann, der sich auf der Seite der Schwachen sieht, verbucht nun auch die Geste des Piloten der Boeing 707 bei der Abreise von Shibam als Respektsbezeugung vor einem Literatur-Nobelpreisträger. Die Boeing stellte der Staatspräsident seinem Gast aus Deutschland und dessen Delegation zur Verfügung. Kurz nach dem Start geht der Pilot in den Tiefflug, dreht eine Rechts- und eine Linkskurve über der Stadt, damit die Passagiere die kunstvolle Lehmarchitektur noch einmal in Ruhe betrachten können.

„Es ist alles natürlich, man begegnet mir hier nie devot“, erklärt Grass. Der 75-Jährige erfährt im Jemen etwas, was er in Deutschland manchmal vermisst: „Dass man bei aller Kritik doch Respekt vor dem Lebenswerk eines Schriftstellers hat.“ Doch Günter Grass ist nicht in den Jemen gereist, um sich von den Angriffen der „Häme“ deutscher Feuilletons zu erholen. Die zehntägige Reise steht unter dem Motto: „Am Anfang war der Dialog". Eingeladen hat der jemenitische Präsident, auf Initiative der irakischen Dichterin Amal al-Jubouri, die in der jemenitischen Botschaft in Berlin für die Kulturarbeit zuständig ist – in Anknüpfung an ein Treffen von Hans Magnus Enzensberger, Volker Braun und anderen deutschen mit jemenitischen Schriftstellern vor zwei Jahren in Aden und Sana´a. Und so fanden sich nun in Sana´a die zwei größten zeitgenössischen Dichter der arabischen Welt, der Syrer Adonis und der Palästinenser Mahmoud Darwisch zu einem „Dichtergipfel“ ein.

In einem waren sich Adonis und Grass gleich einig: Die Trennung von Kirche und Staat ist die Voraussetzung für mehr Freiheit. Und doch zeigte das erste deutscharabische Treffen auch die Schwierigkeiten der Begegnung. Statt Dialog: Bekenntnisse. Durch seine Kritik an der Politik Israels und den amerikanischen Kriegsplänen gegen Irak besitzt Grass in der arabischen Welt zwar einen Vertrauensvorschuss. Dennoch trugen jemenitische Schriftsteller die üblichen Solidaritätsadressen für die Palästinenser und Erklärungen zur zionistischen Weltverschwörung vor. Dass man gleichzeitig ein Freund Israels und der Araber sein könne, ist für viele arabische Teilnehmer schwer zu begreifen; Grass erklärt es mit der deutschen Geschichte. Aufgrund der Gräueltaten des Nationalsozialismus sei Deutschland einer der „Baumeister“ Israels. Das halte ihn jedoch nicht davon ab, die „schreckliche“ Politik des jüdischen Staates zu kritisieren. Die These von den jüdischen Verschwörungstheorien verbittet sich Grass: Auch die Nationalsozialisten hätten so argumentiert.

Adonis sprach in Deutschland davon, dass der Dialog zwischen zwei kulturellen Identitäten ein „historischer Prozess" sei. Voraussetzung sei, dass beide Partner ihre Geschichte bedenken. Das Verhältnis Europas zum Islam sei historisch „unerfreulich". Die arabische Welt dagegen müsse sich von der Selbstisolation und der Überheblichkeit verabschieden, die Islamisten unter Berufung auf die Vollkommenheit des Islam zur Schau trügen.

Mahmoud Darwisch und der libanesische Schriftsteller und Journalist Abbas Beydoun haben eine andere Erklärung für die Kommunikationsstörungen. „Die arabisch-islamische Kultur ist nur im Bewusstsein der anderen ein einheitliches Gebilde", glaubt Darwish. Die arabische Welt sei innerlich zerrissen, es gebe viele Formen des Islam. Auch Beydoun glaubt nicht an einen Dialog zwischen Orient und Okzident: „Wir sind heute Teil der westlich geprägten Weltkultur.“ Einzig der permanente Rückgriff auf vergangene Zeiten, als die Region eine eigene Hochkultur hatte, sei noch typisch arabisch. Und vom Vorbild des Westens hätten sich einige erst dann abgewandt, als man sich „total abgelehnt“ fühlte.

In Abrahams Schoß

Vor diesem Hintergrund erscheint die Jemen-Reise von Günter Grass als vertrauensbildende Maßnahme. So macht Grass aus seiner Sympathie für das Reiseland Jemen kein Hehl: Es sei eine der schönsten Reisen seines Lebens, bei der er sich so sicher fühle „wie in Abrahams Schoß“. Angesichts des im Westen vorherrschenden Bildes vom Jemen als einem Terrornest ist dies in Sana´a eine willkommene Aussage. In Shibam, deren Lehmhochhäuser der Dichter als „hausgewordene Poesie“ bezeichnet, stiftet er 10000 Euro für ein neues Berufsbildungszentrum, damit die Maurer die traditionelle Lehmbautechnik wieder erlernen können. Doch er provoziert die Gastgeber auch mit kritischen Anmerkungen. Er beschreibt die Diskussion, die Bushs nach dem 11. September propagierte These von einem neuen Kreuzzug in Europa auslöste. Gleichzeitig fordert er die arabischen Teilnehmer auf, sich von jedwedem „heiligen Krieg“ als höchste Form der Blasphemie zu distanzieren. Anhand seines eigenen Schicksals erläutert er das Trauma der Vertriebenen – und fragt, wieso die arabischen Staaten die palästinensischen Flüchtlinge nicht integriert hätten.

Mahmoud Darwish, dessen Werk dem Leiden der Palästinenser gewidmet ist, sitzt neben ihm, verzieht keine Miene und schweigt. Die von Grass vorgelebte Debattenkultur ist in der arabischen Welt wenig verbreitet. Viele Intellektuelle schrecken davor zurück, ihren Landsleuten den Spiegel vorzuhalten. Was manche Gesprächsteilnehmer als „lehrmeisterhaft“ empfinden, bezeichnet Grass als „Denkanstöße". Ob sie Wirkung zeigen, weiß er nicht. „Aber ich arbeite nach dem Sisyphosprinzip.“ Gewünscht hatte er sich eine Gesprächsrunde über Erotik in der Literatur. Sie wird in die jementischen Annalen eingehen: Nach anfänglichem Schock scheinen die arabischen Kollegen die Gelegenheit zu nutzen, dieses Thema frei von den üblichen Zwängen zu debattieren.

Kurz bevor Staatspräsident Ali Abdallah Saleh ihm beim Empfang den höchsten jemenitischen Kulturorden ans braune Cordjackett heften kann, spricht Grass den Fall Wajdi al-Ahdal an. Im April hatte al-Ahdal einen Roman veröffentlicht, in dem er den korrupten Staat angreift und moralisch-sittliche Gebote missachtet. Daraufhin wurde der Autor in Moscheen zum Atheisten erklärt, das Kulturministerium verbot den Verkauf des Buches. Der Schriftsteller fürchtete um sein Leben und verließ das Land. „Ich bitte Sie, dem Autor wieder Einlass zu gewähren. Kritik gehört wie das Salz zur Suppe", erklärt Grass dem Präsidenten. Der verspricht, für die Sicherheit al-Ahdals im Jemen zu sorgen. Zwei Tage später wird bekannt, dass der junge Autor in den Jemen zurückkehren wird. Sisyphos arbeitet nicht immer vergeblich.

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