Kultur : Staatsfeindin Nr. 1

Gerd Nowakowski

„Schießenderweise verändert man nicht die Welt, man zerstört sie“, schrieb Ulrike Meinhof 1962. Dennoch war die Christin, Pazifistin und Mutter ein paar Jahre später als Stimme der Roten-Armee-Fraktion Staatsfeindin Nummer 1 der Bundesrepublik. Der Autor Alois Prinz spürt Ulrike Meinhof nach, sehr nüchtern, fast distanziert, und versucht eine Frau zu begreifen, deren Utopien einer friedlichen Gesellschaft in mörderischer Gewalt enden – und im Selbstmord in der Haft. Was ist passiert, wo ist der Bruch – nach einer Kindheit in der NS-Zeit, dem Engagement in der Friedensbewegung, der Auseinandersetzung mit der Schuld der Deutschen für die Nazi-Verbrechen und der Karriere als Journalistin und Chefredakteurin der linken Zeitschrift „Konkret“, fragt der Autor. Eine Antwort findet er nicht, nur eine Frau, die sich selbst verliert. Er zeichnet das Drama eines begabten Menschen nach, der unter dem Leid anderer Menschen litt. Ein Buch für Jugendliche soll es sein. Auch eines für Erwachsene ist es geworden, die sich der verquasten Logik und Denkblockaden der RAF-Sympatisanten erinnern wollen.

Alois Prinz: Lieber wütend als traurig – die Lebensgeschichte der U. M. Meinhof. Biografie. Beltz & Gelberg, Weinheim. 328 S., 19 €.

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