Kultur : Staatskapelle: Die befreiten Herzen

Volker Straebel

Gehörte Kurt Sanderling nicht zu den wenigen lebenden Musikern, die Schostakowitsch aus persönlicher Zusammenarbeit her kennen, man würde seiner Interpretation des ersten Cello-Konzertes des Russen unbefangener gegenübertreten. So aber erscheint die etwas hölzern starre Klanggestaltung der Staatskapelle im Konzerthaus als absichtsvolle Setzung kühler Objektivität, das schneidend spitze Klarinetten-Solo im Kopfsatz als bewusste Distanzierung von der so gern beschworenen Melancholie jüdischer Volksmusik, die für das melodische Material Pate stand.

Sennu Laine, seit 1997 Solo-Cellistin der Staatskapelle und von "ihrem" Orchester freundschaftlich getragen, fiel es zunächst schwer, mit technisch sauberem, in den extremen Höhen allerdings etwas unreinem Spiel Präsenz zu erzeugen. Doch von den Anfeindungen einer aus dem Takt geratenen Celesta im zweiten, ätherisch fein gesponnenen Satz unbeeindruckt traf sie in der ausgedehnten Solo-Kadenz den grüblerischen Gestus des sich vom Kollektiv lösenden Individuums genau.

So überzeugte Sanderlings Interpretation des Konzertes als einer immanent politischen Musik ausgerechnet dort, wo er mit dem Orchester schwieg.

Hatte das Publikum schon Sennu Laine begeistert gefeiert, musste es nach der zweiten Sinfonie von Johannes Brahms sich vorgenommen haben, Clara Schumanns Bericht über eine Aufführung aus dem Jahr 1878 zu entsprechen: "Die befreiten Herzen machten sich Luft in ganz unbeschreiblichem Enthusiasmus." Der Rezensent sah dazu wenig Anlass, ließ doch die Interpretation die von der kammermusikalischen Anlage des Stückes geforderte Delikatesse und Detailtreue vermissen. Zu zaghaft gerieten Sanderlings Versuche, die von der üppigen Klangschwelgerei Daniel Barenboims verdorbene Staatskapelle zu zügeln, dynamisch und in der Tempogestaltung lief da manches aus dem Ruder.

Dass Brahms in die Coda des ersten Satzes sein Lied "Es liebt sich so lieblich im Lenze" hineingeheimnisst hat, muss solcher Musizierhaltung verborgen bleiben. Natürlich gelangen wunderbar empfundene Stellen, etwa die in Bruckner-Quarten absteigenden Posaunen im Finale. Mit ihnen allein vermag man kaum dem Werk gerecht zu werden.

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