Kultur : Staatsoper: Barenboim gibt administrativ-organisatorischen Aufgaben auf

Frederik Hanssen

In einer "schlaflosen Nacht über den Wolken" hat Berlins Kultursenator Christoph Stölzl "mit zittrigem Füller" die Worte notiert, auf die Berlin seit Monaten wartet: "Wird Daniel Barenboim nach Beendigung seines Vertrags als Staatsopern-Chef im Sommer 2002 die Stadt verlassen?", lautet die Frage, die der Senator am Wochenende bei einem Blitzbesuch in Chicago mit dem Maestro klären wollte. In der Sitzung des Kulturausschusses des Abgeordnetenhauses verlas er ein klares "Jein": Während eines fünfstündigen Gedankenaustauschs habe Barenboim klar gemacht, dass er in jedem Fall 2002 alle administrativ-organisatorischen Aufgaben an der Staatsoper niederlegen wird, berichtete Stölzl. Sein einziger Ehrgeiz in Berlin gelte der Staatskapelle. Für die will er eine Gehaltserhöhung durchdrücken. Wenn der Senat die Musiker künftig wie das Berliner Philharmonische Orchester entlohnt, will er ihr Chefdirigent bleiben. Andernfalls könne man nicht mehr mit ihm rechnen - auch nicht für Gastauftritte.

Wenngleich Stölzl es nicht aussprechen wollte, ist damit der Abgang Barenboims besiegelt - denn die zehn Millionen Mark Etataufstockung, die der Dirigent fordert, wird es nicht geben, das hat selbst Barenboim-Fan Eberhard Diepgen erklärt. Manchen mag das verbittern, doch Stölzls Arbeit wird so wesentlich erleichtert. Nicht nur,weil endlich das von Barenboim so hartnäckig blockierte BerlinBallett, also der Zusammenschluss drei Opern-Tanzcompagnien als autonome Einrichtung, Realität werden kann, sondern auch, weil Stölzl ohne Rücksicht auf Barenboims Repertoire-Wünsche freier in Sachen Opernstrukturreform planen kann.

Wie er sich das neue Opern-Berlin allerdings vorstellt, wollte der Senator am Montag nicht verraten. Er fasste lieber in gewohnt eloquenter Manier die bekannten Probleme zusammen - bis der Grünen-Abgeordneten Alice Ströver der Kragen platzte: "Langsam habe ich es satt, immer wieder vertröstet zu werden!" Schließlich müsse bis zur Sitzung des Unterausschusses Theater am kommenden Montag Klarheit darüber herrschen, wie das 23 Millionen-Mark-Loch im Kulturhaushalt 2001 gestopft werden soll. Stölzl versuchte zu beruhigen, beharrte darauf, große Entscheidungen bräuchten Zeit, und forderte die Kollegen auf, Vorschläge zu machen. Realistisches kam dabei nicht zu Tage, dafür gaben Kulturpolitiker von SPD wie CDU durch peinliche Fragen zu erkennen, dass sie immer noch nicht begriffen haben, was es mit dem neuem Strukturfonds für Abfindungen und Investitionen auf sich hat. Im Anschluss an die Sitzung traf Stölzl übrigens mit dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen und Finanzsenator Peter Kurth zusammen. Dabei soll sich ein Ausweg aus der Krise angebahnt haben: Die Fünf-Prozent-Kürzung in Stölzls Etat könnte zurückgenommen werden.

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