Staatsoper : Das Auge hört mit

Außen alt, innen neu? Die Frage, wie die Staatsoper saniert werden soll, erhitzt die Gemüter. Zugleich wird der Streit zum Modellfall fürs Schloss.

Michael Zajonz
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Zukunft statt Zauber. Viele Besucher lieben Richard Paulicks Nachschöpfung des Staatsopern-Saals im Rokoko-Stil. Der Architekt...Foto: dpa

Goldene Lettern, Worte für die Ewigkeit. „Fridericus Rex Apollini et Musis“ steht über dem Haupteingang der Staatsoper Unter den Linden: König Friedrich dem Gott Apoll und den Musen. Hier baute einer für die schönen Künste und den eigenen Nachruhm, der nur sich selbst verpflichtet war. Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, sein Architekt, hat das zu spüren bekommen.

Möglich, dass sich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und sein Kulturstaatssekretär André Schmitz derzeit nach Friedrichs absoluter Machtfülle sehnen. Im Vorfeld der ab 2010 geplanten Generalsanierung ist um die Gestaltung des großen Zuschauerraums ein Grundsatzstreit entbrannt: Erhalt des vorhandenen Saales oder ein moderner Neubau nach dem Entwurf des Berliner Architekten Klaus Roth? Schmitz hat im Preisgericht gegen die zeitgenössische Lösung gestimmt. Und die Senatsbauverwaltung ließ erklären, dass das Land Berlin als Bauherr nicht an das Votum der Wettbewerbsjury gebunden sei. Diese hatte Roth am vergangenen Donnerstag mit Zweidrittelmehrheit gekürt.

Dynamische Linien statt Stuck und Kristall

Am Donnerstag stellten Opernstiftungs-Direktor Stefan Rosinski, Juryvorsitzender Peter Kulka und Architekt Roth den Siegerentwurf vor. Ein versuchter Befreiungsschlag, wenn Rosinski zweckoptimistelt: „Die Stiftung ist in gutem Kontakt mit der Politik.“ Auf der Strecke bliebe, sollte der Wettbewerb neu aufgerollt werden, die fristgerechte Sanierung.

Roth, der in Berlin die Volksbühne, das Deutsche Theater und die Sophiensäle saniert hat, will das Parkett so anheben, dass das Publikum durch den Apollosaal den Zuschauerraum erreicht. So war es schon zu Knobelsdorffs Zeiten. Zusammen mit einer grundlegend verbesserten Akustik ist der neu geordnete Publikumsverkehr einer der großen Pluspunkte seines Entwurfs. Über die von Roth vorgeschlagene Formensprache, die Kulka „einen Glücksfall für Berlin nennt“, wird gestritten. Dynamische Linien statt Stuck und Kristall.

Rekonstruieren oder neu interpretieren

Hinter dem Opernstreit stehen im Kern die allgegenwärtigen Berliner Architektur- und Geschichtsdeutungsfragen: Rekonstruieren oder modern interpretieren? Illusion oder Bruch? Schloss oder Schluss? Kein Wunder also, dass Traditionalisten wie der Architekt Hans Kollhoff Roths Entwurf bereits verdammt haben, ohne ihn zu kennen. Ebenso voraussehbar, dass sich Jurymitglied Axel Schultes dafür begeisterte.

Es ist ein fataler Irrtum, die Generalsanierung der Lindenoper, die vor allem technisch-akustische Probleme beheben soll, zur Generalprobe für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses zu erklären. Wer so argumentiert, bleibt an der Oberfläche ästhetischer Kategorien kleben. Oder ideologisiert. Peter Dussmann, Chef des mächtigen Staatsopern-Freundeskreises, erklärte bereits, Roths Entwurf sehe „nach wenig aus“ und stünde in der Nachfolge eines „abstrakten Nachkriegsfunktionalismus“. Der Freundeskreis will 30 Millionen Euro zur Gesamtbausumme von etwa 240 Millionen zuschießen. Bisher jedenfalls.

Die Staatsoper kennt keine Kontinuität

Dass die Staatsoper zumindest materiell ein Nachkriegsbau ist, scheint Dussmann zu übersehen. Roths Umbau wäre jedenfalls keineswegs der erste. Die Baugeschichte der Lindenoper ist ein nicht durchgängig mit Würde intoniertes Drama von Aufbau, Zerstörung und Wiederaufbau. Schon zwei Jahre nach König Friedrichs Tod wurde der Zuschauerraum von Karl Gotthard Langhans, dem Baumeister des Brandenburger Tors, umgebaut. Er wandelte das höfische Logenhaus in ein bürgerlichen Ansprüchen genügendes Rangtheater um. Seither gab es Brände, Um- und Neubauten des Bühnenhauses, mehrfache Kriegszerstörungen. Wer heute das Haus durch den Portikus (beinahe das einzig wirklich Alte) von Unter den Linden her betritt, durchwandert eine Collage verschiedenster architektonischer Opernideen. Doch was der Zuschauer zu sehen bekommt, ist dennoch ein Gesamtkunstwerk. Friderizianisches Rokoko in einer Interpretation der 1950er Jahre.

Richard Paulick, Chefarchitekt des Wiederaufbaus, hat Räume wie den Apollosaal völlig neu gestaltet. Der sieht zwar aus wie zu Friedrichs Zeiten, doch es hat ihn so oder ähnlich zuvor nie gegeben. Wenn man genauer hinhört, swingt und schrammelt der Zeitgeist der konservativen Fifties aus jedem Stucksahnehäubchen. Der hohe Denkmalwert dieses Ensembles, zu dem auch das von Paulick entworfene Intendanz- und Kulissengebäude neben der Hedwigskirche gehört, ist unbestritten. Und es heißt ja nicht, dass dort die Zeit still stehen muss. Wie man historische Theaterräume modern ergänzt und dabei eine mondäne Atmosphäre schafft, kann man in der Komischen Oper erleben.

Das Dauerprovisorium hat dem Haus nicht geschadet

Die Staatsopernsanierer plagen allerdings handfestere Probleme. Paulick, der am Dessauer Bauhaus studiert und als Funktionalist begonnen hatte, hat seinen Zuschauerraum ungünstig dimensioniert. Er ist zu niedrig und, durch die Verbreiterung der Ränge, langgestreckter als der von Knobelsdorff. Ein akustisches Desaster, mit schlechten Sichtmöglichkeiten auf einem Viertel der 1350 Plätze, einerseits. Andererseits: ein Dauerprovisorium, das dem Aufstieg des Hauses nach 1990 nicht abträglich war. Es ist konsequent, wenn der vorrangig an musikalischen Bedingungen interessierte Daniel Barenboim hier Abhilfe fordert.

Die Frage ist also einfach – und man hätte sie vor Beginn des Wettbewerbs klären müssen –, welchen der beiden Kompromisse man mehr will: das alte, liebgewonnene Provisorium mit ein paar Nachbesserungen, oder einen fehlerfrei funktionierenden, geschichtslosen Saal. Als abschreckendes Beispiel ist der Vergleich mit dem Schloss wohl doch zulässig. Probleme der Unvereinbarkeit von Inhalt und Form dürften bei den Großrekonstruktionen in Berlin und Potsdam künftig häufiger auftauchen. Wer’s partout historisch haben will, muss dafür manchmal eben ein bisschen leiden.

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