Staatsoper : Das Ohr hat seine Schuldigkeit getan

Klaus Wowereit sucht jetzt einen neuen Generalsanierer. Diesmal wird es keine Jury geben - und keine großen Debatten.

Frederik Hanssen

„Vielleicht war die Zielsetzung des Wettbewerbs zu ambitioniert“, räumt Klaus Wowereit ein. Am Dienstag um 14 Uhr sitzt der Regierende Bürgermeister im Roten Rathaus, ihm gegenüber die versammelte Hauptstadtpresse. Der Regierende Bürgermeister muss eingestehen, dass der Wettbewerb zur Gestaltung des Zuschauerraums der Staatsoper gescheitert ist. Keiner der prämierten Entwürfe konnte die Geldgeber überzeugen. Weder die Vertreter von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der 200 Millionen Euro für die dringende Sanierung des Musiktheaters überweisen wird, noch die Berliner Politik.

In seiner Eigenschaft als Kultursenator hat Klaus Wowereit sich in den vergangenen Tagen noch einmal intensiv mit den drei bestplatzierten Entwürfen auseinandergesetzt, hat sich die Projekte dreidimensional visualisieren lassen und weitere Akustik-Gutachten studiert. Bei der Detailbetrachtung allerdings, so Wowereit, habe sich der ursprüngliche Charme des einen oder anderen Gedankenspiels der Architekten für ihn dann „verflüchtigt“. So sei er schließlich zu dem Entschluss gekommen, dass keiner der Entwürfe in der Lage sei, „den Denkmalschutz zu befriedigen“.

Darum nämlich geht es dem obersten Volksvertreter der Hauptstadt: Dass im Inneren der Lindenoper alles so bleibt, wie es die Leute kennen und lieben, dass Richard Paulicks 1955er Rokoko-Nachbildung die Rundumsanierung des Hauses überlebt, kurz, „dass am Ende des Prozesses Unter den Linden wieder Paulick da ist“. Ganz so, wie es sich die vox populi wünscht, die wortmächtige Allianz der Bewahrer, die sich quer durch alle politischen und gesellschaftlichen Lager gebildet hat.

Daher erhält nun keines der Mitte Mai von einer Fachjury prämierten Architekturbüros den Zuschlag für das 241-Millionen-Euro-Vorhaben. Stattdessen wird das ganze Vergabeverfahren neu aufgerollt und die Position eines Generalplaners neu ausgeschrieben. „Dem Auftraggeber muss es überlassen bleiben, von der Vergabe Abstand zu nehmen“, findet Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer. Ob die in die Wüste geschickten Wettbewerbsteilnehmer das auch so sehen, werden in Kürze wohl die Gerichte zu klären haben. Eine Verzögerung im Sanierungszeitplan befürchtet die Senatorin dennoch nicht. Sie sei durchaus in der Lage, juristisch deutlich zu machen, warum der Auftrag in diesem Fall nicht vergeben wird.

Weil nämlich die Teilnehmer allesamt einer wesentlichen Aufgabe nicht gerecht geworden seien: Paulicks Saal zu erhalten. Dies lässt sich nach Meinung von Wowereit und Junge-Reyer nur dadurch gewährleisten, dass der gesamte Renovierungsprozess künftig der öffentlichen Kontrolle entzogen wird.

Genau darauf läuft die Volte des Senats nämlich hinaus. Ein zweites Mal will sich die Kulturverwaltung nicht von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher aufs Kreuz legen lassen. Durch die Koppelung von zwei Vergabeverfahren – der auf Logistik und technische Umsetzbarkeit bezogenen Generalplanung einerseits und der ästhetischen Frage einer kreativen Saal- optimierung andererseits – hatte die forsche Schweizerin den Senat in die Lüsterklemme gebracht. Zwei Drittel der Fachjuroren begeisterten sich für die Idee des Architekten Klaus Roth, in das historische Gebäude einen modernen Saal zu integrieren.

Beim neuen Verfahren wird es nun keine Jury mehr geben, über deren Votum öffentlich gestritten werden könnte. Heimlich, still und leise wird nach bürokratischen EU-Richtlinien ein Bewerber ausgewählt. Diesem wird dann eine „Fachplanung Denkmalschutz“ zur Seite gestellt, mit der er hinter verschlossenen Türen darüber feilschen kann, welche Details am DDR-Rokoko geändert werden dürfen, um vielleicht doch noch eine Verbesserung der Sichtverhältnisse und der Akustik zu erreichen.

Denn Wowereit will keineswegs ausschließen, dass sich nicht beispielsweise bei der Wahl der Materialien Kompromisslösungen finden lassen. Schon möglich, dass die jetzigen schallschluckenden Stoffe der Wandbespannungen und Sesselpolsterungen zugunsten modernerer Textilien ausgetauscht werden können. Der Generalplaner werde nicht verpflichtet, alles originalgetreu zu erhalten, betonte Junge- Reyer, er werde lediglich beauftragt „sich an Paulick zu orientieren“.

An der Aufgabenstellung verändert sich also de facto nichts, denn auch schon in der ersten Runde hatte es geheißen: „Ziel dieses Verfahrens ist ein Entwurf, der sowohl die Ansprüche des Nutzers nach einer optimalen Akustik und besseren Sichtverhältnissen wie auch das Erhaltungsinteresse der Denkmalpflege für den außergewöhnlichen Zuschauerraum ernst nimmt und berücksichtigt.“ Nur erkauft sich der Senat mit der Neuausschreibung jetzt einen entscheidenden Vorteil: Keiner kann ihm mehr reinreden. Wir hören uns wieder bei der Eröffnungspremiere der neuen alten Staatsoper im Herbst 2013.

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