Staatsoper : Der Kampf um Stylinggrad

Eine kalte Welt voll Luxus und Verderbtheit: Vincent Boussard inszeniert Händels „Agrippina“ an der Staatsoper Unter den Linden – und Christian Lacroix entwirft spektakuläre Kostüme.

Jörg Königsdorf

Unter den bösesten Opern der Musikgeschichte gebührt Händels „Agrippina“ ein Spitzenplatz. Gemeiner, hinterhältiger als in diesem Stück geht es eigentlich nur noch in Claudio Monteverdis „Krönung der Poppea“ zu, und hier wie dort trägt am Ende derjenige den Sieg davon, der am skrupellosesten intrigieren kann. In dem ersten durchschlagenden Opernerfolg des 24-jährigen Händel ist das die Kaiserin Agrippina, die alles daransetzt, ihren senilen Gatten Claudio zur Abdankung zugunsten ihres Sohnes Nerone zu bewegen. „Nun, da Nerone regiert, kann ich zufrieden sterben“, verabschiedet sich die oberste aller Strippenzieherinnen nach vier Stunden Opernhandlung vom Publikum – und welch eine wunderbar bitterböse Schlusspointe ist allein schon das! Ausgerechnet Mutterliebe muss dafür herhalten, dass hier ein künftiger Gewaltherrscher inthronisiert wird. Oder sollte auch das am Ende nur eine jener Posen sein, in die sich diese Agrippina den ganzen Abend über wirft, ganz wie ein Model, das für jedes neue Kleid eine eigene Attitüde findet: treue Gattin, beste Freundin, mondäner Vamp, umsichtige Politikerin.

An der Berliner Staatsoper sorgen Regisseur Vincent Boussard und sein Kostümbildner Christian Lacroix jedenfalls dafür, dass die Kaiserin für jede ihrer Rollen das passende Outfit zur Verfügung hat. Alles hochelegant natürlich und meilenweit entfernt von der zeigefingrigen Klunkerstrotzigkeit, mit der deutsche Opernregisseure gern die Symbiose von Verderbtheit und Luxus vorführen. Diese Agrippina kämpft mit den Waffen einer Frau, zu denen eben auch die perfekte Wahl der Garderobe gehört – zugleich aber sorgen ihre chamäleonhaften Kostümwechsel dafür, dass sich die Verstellung als der eigentliche Charakter dieser Operntitelheldin herausstellt. Am perfektesten kann sich eben der anpassen, der keine Träume und Sehnsüchte hat.

Oder besser gesagt, fast keine. Denn mitten im Geschehen lässt Händel plötzlich durch all diese Verkleidungen Agrippinas Zweifel hindurchblicken: Für die Dauer einer Arie stoppt das ganze Räderwerk, wenn die Frage nach dem Sinn des Ganzen sich mit lähmender Gewichtigkeit über das Lügenwerk legt.

Dass es vor allem die zweite Hälfte der „Agrippina“ ist, in der das Stück seine ganze Bosheit entfaltet, liegt einerseits in der Natur der Sache – gute Intrigen sind wie langsam eingeträufeltes Gift und setzen auf schleichende Wirkung. Zum anderen aber lässt Boussard seiner Agrippina auch die Zeit, in Ruhe ihre Netze zu knüpfen: Weder beschleunigt er den Gang der Ereignisse durch nennenswerte Streichungen, noch setzt er die Szene durch explizite politische Gleichsetzungen unter Spannung. Seine „Agrippina“ spielt nicht im Kanzleramt oder Buckingham Palace, sondern zwischen Schichten dichter Glasperlenvorhänge, die Vincent Lemaires ansonsten meist leeren Bühnenraum füllen. Ein Un-Ort, der so wenig Privatheit zulässt wie ein KaDeWe-Schaufenster.

Sicher, unbeobachtet und allein können die Figuren hier nur auf dem schmalen Laufsteg vor dem Orchestergraben sein, den Boussard mit exakter, fast choreografisch ausgezirkelter Personenführung denn auch immer dann nutzt, wenn Ehrlichkeit angesagt ist. Denn neben der Berufsintrigantin Agrippina präsentiert das Stück natürlich auch ganz andere Menschen: den grundguten Ottone, der auf die angebotene Kaiserwürde zugunsten seines privaten Lebensglücks verzichtet. Oder auch die junge Poppea, die sich letztlich erfolgreich gegen Agrippinas Ränke wehrt, indem sie mit den gleichen Waffen zurückschlägt. Dazu den tumben Imperator Claudio (Marcos Fink), den Boussard mit leicht surrealistischen Zügen als eine Mischung aus König Ubu und Heinrich VIII. zeichnet – am Ende wird er einfach sein Nickerchen machen, während ihm Nerone (Jennifer Rivera) die Herrschaftsinsignien aus den Fingern windet.

Es lohnt sich mithin, den langen Atem für diese „Agrippina“ mitzubringen, auch wenn die Produktion musikalisch nicht zu den allerbesten der Staatsopern-Barocksparte zählt. Was weniger auf das Konto der Akademie für Alte Musik geht, die vor allem aus der Continuo-Gruppe immer wieder elektrisierende Impulse sendet, sondern wohl eher daran liegt, dass Berlins Barockopernwundermann René Jacobs sich inzwischen viel mehr für Mozart und Rossini interessiert. Schon der „Belshazzar“, Jacobs’ letzter Händel-Streich an der Staatsoper, zeigte deutlich die Tendenz zu einem altersmilden, flächigen Ton, und auch in der „Agrippina“ setzt Jacobs die Pointen von Händels suggestiver, theatralischer Charakterzeichnung manchmal fast bis zur Unkenntlichkeit diskret – den affektgeladeneren, abwechslungsreicheren Händelsound hört man in Berlin inzwischen an der Komischen Oper.

Vermutlich wäre der verhaltene orchestrale Rahmen nicht so stark ins Gewicht gefallen, wenn die Produktion zwei Hauptdarstellerinnen besessen hätte, die einander auf der Bühne richtig Zunder gegeben hätten. Doch diese „Agrippina“ ist zwar bis in die Nebenrollen hinein (Neal Davies, Dominique Visse und Daniel Schmutzhard) markant besetzt, schwächelt aber ausgerechnet bei den beiden Primadonnen: Sowohl Alexandrina Pendatchanska als kaiserlicher Vamp wie Anna Prohaskas Girlie-Poppea sind vom Typ her passend besetzt, stimmlich aber für ihre Rollen jeweils eine Konfektionsgröße zu klein. Gewinner des so ausfallenden Duells ist Bejun Mehta (Ottone) – ein Händel-Sänger, dem man nicht nur Koloraturen abnimmt, sondern auch Gefühle. Und wer die zeigen kann, gewinnt. Zumindest auf der Opernbühne.

Wieder am 7., 9., 12. und 14. Februar

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