Staatsoper : Der Philosoph als Frauenfeind

Deutsche Bildungs-Buffa: René Jacobs und Nigel Lowery präsentieren an der Berliner Staatsoper Telemanns "Der geduldige Sokrates"

Sybill Mahlke
Der geduldige Sokrates
Kristina Hansson, Inga Kalna und Marcos Fink (als Sokrates). -Foto: Esch-Kenkel

Die eine Henne legt ein Ei, die andere deren zwei. Über die Ungerechtigkeit dieser Erträge geraten die beiden Besitzerinnen Xantippe und Amitta in heftigen Streit. Die Hühner sind Geschenke ihres gemeinsamen Gatten, der am liebsten in Büchern liest und seine Ruhe haben will. So tickt der Nonsense am Anfang der Oper „Der geduldige Sokrates“ von Georg Philipp Telemann, uraufgeführt in Hamburg 1721. In Koproduktion mit den Innsbrucker Festwochen kommt das Stück, das über vier Stunden beansprucht, nun zu seiner schrill umjubelten Premiere an der Lindenoper.

Die Komödie bedient sich einer Legende aus dem alten Griechenland. Denn dass Sokrates, der Weise von Athen, neben der launischen Xantippe eine zweite Ehefrau in seinem Haus geduldet haben soll, wurde schon um das Jahr 300 v. Chr. behauptet. Die Forschung hält diese Bigamie für eine mehr oder minder hübsche Erfindung. Platon, der Philosoph, der aus seiner Geringschätzung des weiblichen Geschlechts kein Hehl macht, berichtet von Sokrates, seinem verehrten Meister, dieser sei in zwei Dinge verliebt gewesen: in den jungen Alkibiades und in die Philosophie.

Die Legendenbildung aber trudelt weiter: Die Athener hätten, als ihre Einwohnerzahl nach einem verlorenen Krieg stark reduziert war, beschlossen, jeder Bürger dürfe/solle von zwei Frauen Kinder haben. So kommt Sokrates, obwohl der Ehe gegenüber skeptisch eingestellt, zu dem zänkischen Gattinnendoppel.

Sokrates, der Unwissend-Wissende, der die Philosophie vom Himmel geholt hat, fällt dem Lustspiel anheim: „Ein Mann, der sich zwo Frauen angetraut, hat seinen Kerker selbst gebaut.“

Dennoch haftet an der Titelfigur in Telemanns Oper die Aura des antiken Denkers: Sokrates ist in der Musik eine Seele von schöner Besonnenheit, ein Philosoph der vermittelnden Rede, selbst wenn die Handlung ihn zur Karikatur macht. Daher gebührt ihm, dem Komödienhelden, die berühmteste Formel sokratischer Weisheit: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Er singt sie in einer der zahlreichen italienischen Arien, die in das deutsche Libretto von Johann Ulrich von König eingelassen sind.

Zu dem Dreigespann mit dem schief hängenden Haussegen gesellt sich ein großes Personal: vier Schüler des Sokrates, der Hofdichter Aristophanes, eine zwielichtige Vaterfigur namens Nicia, Athener Bürger, zwei Prinzen, Melito und Antippo, und zwei Prinzessinnen, Rodisette und Edronica, die in weit gespannten Klagen an der Liebe leiden. Denn die beiden Frauen – Spiegelung der Haupthandlung – begehren denselben Mann, der seinerseits zur ersten Ehe schon einer anderen versprochen ist.

Wer die Aufführung Schmierentheater nennt, wie vereinzelt in der Pause zu vernehmen war, liegt falsch. Eher läuft die mit Tricks und Nebenfiguren gespickte Inszenierung von Nigel Lowery und seinem choreografierenden Partner Amir Hosseinpour hier und da Gefahr, an ihrem Raffinement zu ersticken. Auf die lange Dauer gesehen, wächst indes das Rettende aus der kalkulierten Turbulenz.

Bühnenbilder und Kostüme Lowerys mischen Bibliothek und zwei blitzblanke identische Küchen, Kouros und Spielzeugautos, Bildungsgut und Alltag, Antike, Gegenwart und Schäferspiel, Gleichgestimmtheit und Individualität zu einem blitzenden Kaleidoskop. „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ ist auf Buchdeckeln zu lesen und „Der gute Ton von heute“. Die Figuren klettern in virtuosem Wechsel aus zwei Ritzen im Zwischenvorhang nach vorn. Es gibt ein flinkes Bewegungsrepertoire der eloquenten Finger und pantomimischen Ornamente, das manchmal ermüdend wirkt, bald aber wieder neues Interesse weckt für die Nuancen und Eigenheiten der Partitur.

Und viel Komik. Sokrates in seinem liebenswerten Ruhebedürfnis, während die Gattinnen ihn gleichzeitig von beiden Seiten mit Getränken und Kuchen versorgen; ein Wasserschwall aus Eimern, der (legendär überliefert!) auf ihn niederprasselt als Xantippes Geschoss; fliegende Tassen und Bücher, dass es nur so kesselt, dazwischen der Philosoph in seinem Lesesessel.

So trottelig er sich gibt, Marcos Fink in der Titelrolle lässt durchscheinen, dass dieser alte Mann seinen Hintergrund hat. An seiner Seite in dem insgesamt qualifizierten Ensemble sahnen Inga Kalna (als sehr gefeierte Xantippe) und Kristina Hansson (Amitta) ab – mit Geplapper, Melodie und Koloratur. Das Quartett der Sokrates-Schüler, angeführt von Daniel Jenz als närrischem Pitho und Maarten Koningsberger in der Rolle eines geilen, smarten Vaters Nicia bereiten vokale Freuden wie die mit großen Partien betrauten Prinzessinnen und Prinzen: Sunhae Im, Birgitte Christensen und Donát Havár als Tenor neben dem Counter Matthias Rexroth. Gleiches Glück gönnt der Komponist Telemann dem Aristophanes (Alexey Kudrya) nicht, weil ihm seine ehrgeizige Arie misslingt. Im Programm vergleicht Gerd Rienäcker die Figur mit Sixtus Beckmesser.

Kaum zu glauben, dass die Akademie für Alte Musik, einst ausgegangen von einer Konzertreihe an der Humboldt-Universität, schon ihr 25-jähriges Bestehen feiern kann! Das selbstständige Spitzenensemble bereitet der Lindenoper einen goldenen Theaterherbst: jüngst mit Sasha Waltz in der wunderbaren Dusapin-„Medea“ unter Marcus Creed, nun als Zauberinstrument aus Streichern mit Bläsern von der konzertierenden Blockflöte zu feinen Trompeten.

In René Jacobs steht ein Favoritdirigent der Akademie wie der barocken Szene überhaupt am Pult. „Als hätte Bach Opern geschrieben“, sagt Jacobs in einem Interview über die Partitur. Was die musikalischen Affekte angeht, so werden Liebe und Schmerz in übereinstimmender Weise abgebildet. Aber Telemann schafft Neues, weil er dem Theater gehört: von der Metapher des Weiberzanks (siehe Mozart: „Ich bin die erste Sängerin“) zu frühklassischen Charakteren, die über das Barock hinausweisen. Wie eine Sensation fällt die strenge Trauermusik zum Adonisfest, die in Jacobs’ Bearbeitung den zweiten Akt beendet, in das turbulente Geschehen ein: Das Ganze ist eine erstaunliche, bürgerliche, deutsche Bildungs-Buffa.

Weitere Aufführungen am 1., 3., 5., 7., 9. (Familienvorstellung) und 11. Oktober.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben