"Staatsoper für alle" : Watt-Wunder

Am Sonntag spielte Daniel Barenboim und seine Staatskapelle kostenlos auf dem Bebelplatz. Eine Zusammenfassung.

Daniel Wixforth

Das Ereignis beginnt schon vor dem Ereignis. Bereits im dritten Jahr verschlägt es Daniel Barenboim und seine Staatskapelle zur Saisoneröffnung an die frische Luft und weil der Bebelplatz bei diesem zweiten, sinfonischen Teil von „Staatsoper für alle“ schon lange vor Konzertbeginn vor Menschen überquillt, verlegt der Maestro kurzerhand auch die Einspielprobe nach draußen.

Ein Aufwärmen auf beiden Seiten: Eröffnet Barenboim seinen Musikern auf der Bühne letzte interpretatorische Absichten, so öffnet man davor die mitgebrachten Sekt- und Weinflaschen, macht es sich auf Campingstühlen bequem und wer nicht am Vorabend schon fünf Stunden Wagner durchgestanden hat, der kann sich langsam damit vertraut machen, wie ein Orchester aus zehn Meter hohen Lautsprechertürmen klingt: angenehm zurückhaltend. Fast im Flüsterton schickt die Staatskapelle den Beginn von Tschaikowskys Romeo-und-Julia-Ouvertüre unter die Linden und auch in der 5. Sinfonie erklingen die leisen Momente, Barenboims Feingefühl für Tschaikowskys Klangfarben ungemein detailgetreu durch die Boxen.

Allein die dynamischen Ausbrüche, die die groß angelegte Dramaturgie dieses Werkes eben auch fordert, leiden unter der Technik. Wenn es die Staatskapelle im Kopfsatz und im Finale zu brachialen Klanggewittern treibt, dann kommen diese, besonders aus den tiefen Regionen, nur als leichte Sommerregen auf dem Platz an. Ein Paradoxon: Ausgerechnet den natürlichen Fortissimo-Druck eines Orchesters kann das aufgebaute Watt-Wunderwerk nicht adäquat wiedergeben. Standing Ovations gibt’s vom sonnenseligen Berliner Publikum für dieses Klassikfest trotzdem – so ausgiebig, dass Barenboims Verzicht auf eine Zugabe verwundert.

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