Staatsoper : Große Abenteuer, kleine Schiffe

Jürgen Flimm und Daniel Barenboim präsentieren im Schillertheater ihre Pläne für die Berliner Staatsoper. Eröffnet wird die neue Saison spektakulär: am 3. Oktober mit der Uraufführung von Jens Joneleits Oper „Metanoia – über das Denken hinaus“. Regie: Christoph Schlingensief.

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330748_0_76a578f7.jpg Foto: Davids/Darmer
Führungsduo. Daniel Barenboim und Jürgen Flimm vor dem Schiller-Theater, das im Oktober zur Ausweichspielstätte der Staatsoper...Foto: Davids/Darmer

Im vorösterlichen Gespräch sagt Jürgen Flimm in seiner unnachahmlich jovialen Art einen Satz, der gut als Motto zur neuen Spielzeit der Staatsoper passen würde: „Ich muss mich nicht mehr so wahnsinnig durchsetzen.“ Das heißt: Die Kämpfe sind gekämpft. Das heißt auch: Alle Netze sind ausgelegt – der fette Fang kann an Bord gezogen, die Ernte in die Scheuer gefahren werden. Davon vor allem legen die neun (!) großen und acht (!) kleineren Premieren der Saison 2010/11 Zeugnis ab. Flimm, Noch-Intendant der Salzburger Festspiele, muss nur mit dem Finger schnippen, schon scharen sich Titanen des Theaterlebens wie Patrice Chéreau und Vanessa Redgrave und ebenso Anna Netrebko, Donna Leon, Jan Josef Liefers, Alexander Kluge, René Jacobs und Simon Rattle willigst, freudigst um ihn.

Bei manchem Kalauer freilich guckt selbst Generalmusikdirektor Daniel Barenboim an diesem frühlingsfreundlichen Dienstagvormittag, während der ersten Jahres-Pressekonferenz im Schillertheater, leicht kariert: Der Intendant als Everybody’s Kumpel, geht das? Und ist es nicht trügerisch, ja womöglich sogar gefährlich, weil wenig glaubhaft und wenig bei den Menschen, in Krisenzeiten eine solche Sattheit an den Tag zu legen, so gar keinen Hunger, keine Fragen? Jürgen Flimm scheint so etwas wie der letzte Überlebende der Toskanafraktion zu sein. Prompt hätte er für Maurizio Kagels „Tribun“, eine von fünf neu ins Leben gerufenen Werkstatt-Produktionen, am liebsten Oskar Lafontaine engagiert. Für einen politischen Redner und Marschklänge, so der Untertitel der Satire. Lafontaine aber sah seine Bühnenreife gottlob noch nicht gekommen.

Probleme mit der Opernstiftung? „Das ist Gesetz, damit kommt man schon zurecht.“ Im Übrigen sei Peter F. Raddatz, der Generaldirektor der Stiftung, den Flimm noch aus Hamburg kennt, „ein Glück“. Probleme mit den anderen beiden Opernhäusern? „Wir reden miteinander.“ Probleme, mit dem Geld auszukommen? „Über Geld spricht man nicht, Geld hat man.“ Was im Falle der Staatsoper sogar stimmt: 240 Millionen Euro für die Sanierung des Stammhauses, 24 Millionen für die Instandsetzung des Ausweichquartiers Schillertheater – das sind keine Pappenstiele. Probleme mit dem Sängerensemble? Da stockt selbst Flimm ein wenig, vor- wie nachösterlich, die Ensemblepflege, ja, ja, „eine Riesenaufgabe“. Dass René Pape seinen ersten „Rheingold“-Wotan nur in Mailand, nicht aber in Berlin singen wird, markiert sozusagen die Spitze dieses Eisbergs (der neue „Ring“, inszeniert von Guy Cassiers, dirigiert von Barenboim, ist eine Koproduktion mit der Mailänder Scala und kommt hier wie da in wechselnden Premieren heraus, Start ist bereits diesen Mai). Hinter den Kulissen, heißt es, führe der nette Herr Flimm ein durchaus raubeiniges Regiment.

Schlingensief eröffnet die neue Spielstätte und Saison

Eröffnet wird die neue Staatsopern-Saison und Spielstätte spektakulär: am 3. Oktober mit der Uraufführung von Jens Joneleits Oper „Metanoia – über das Denken hinaus“. Regie: Christoph Schlingensief. Musikalische Leitung: Daniel Barenboim. Text: René Pollesch. Ein Coup, zweifellos, und nach „Kirche der Angst“ und „Mea culpa“ der dritte Teil der aktuellen Schlingensief-Trilogie. Ein Stück über das Sterben und „wieder sehr berührend“, wie Flimm sagt. Dagegen nehmen sich die anderen Premieren eher etwas gewöhnlich aus: Strawinskys „Rake’s Progress“ mit dem polnischen Regisseur Krzysztof Warlikowski und Ingo Metzmacher am Pult (10.12.), „Antigona“ aus der Feder des Barockkomponisten Tommaso Traetta, inszeniert von Vera Nemirova und dirigiert von René Jacobs (30.1.2011), zur Eröffnung der Festtage am 16.4. dann Andrea Breths Inszenierung von Bergs „Wozzeck“ (mit Barenboim am Pult und Roman Trekel in der Titelpartie), Bernsteins „Candide“ mit Anja Silja, Regie Vincent Boussard, musikalische Leitung Wayne Marshall (24.6.), sowie, koproduziert mit der Bayerischen Theaterakademie, Peter Eötvös’ „Drei Schwestern“ (3.7.) und, gemeinsam mit Sasha Waltz & Guests, „Matsukaze“ von Toshio Hosokawa (15.7.).

Darüber hinaus wird es ein Festival für neues Musiktheater geben („Infektion!“), inklusive Symposium und Wiederaufnahme von Hans Werner Henzes „Phädra“ (2. –10. 7.2011), fünf Werkstatt-Premieren von Sciarrino bis Satie, diverse Programme für die Kinder- und Jugendoper, einen Kessel Buntes im Foyer (etwa die neckische Reihe „Schlaflos in Charlottenburg“ jeweils um 22.30 Uhr) sowie, um die Mitte nicht ganz aus den Augen zu verlieren, Konzerte erstmals auch im Roten Rathaus und im Bode-Museum.

Und wie geht der eigentliche Ortswechsel vonstatten? Am 6. Juni feiert die Staatsoper, nach Ost-Tradition, eine „Kisten- Party“, Disco im Magazin inklusive. Und am 26. September schippern Flimm und Barenboim mit großer Entourage auf zwei Schiffen die Spree entlang gen Westen. Einen „symbolischen Umzug“ nennt Flimm das, „damit es nicht so bleiern und bedeutend wird“. Das neue Spielzeitheft übrigens erinnert an eine Kreuzung aus Lifestyle und „Reader’s Digest“. Nach dem ganz „großen Abenteuer“, das Jürgen Flimm sich wünscht, riecht das nicht.

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