Staatsoper im Schillertheater : Wo ist oben?

Bequem kann es sich hier keiner machen: Thomas Goerge inszeniert in der Werkstatt des Schillertheaters zwei Einakter von Paul-Heinz Dittrich nach literarischen Vorlagen von Franz Kafka und Maurice Maeterlinck.

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Szene aus der Inszenierung
Szene aus der InszenierungFoto: Vincent Stefan/Staatsoper

Dieses Mal ist alles anders. Sind die Zuschauer der Staatsopern-Werkstatt im Schillertheater sonst zweireihig an der Wand platziert, dazwischen eine schlauchartige Spielfläche, ist die Bühne jetzt an die rechte Stirnseite gerückt, die Besucher sitzen auf Stühlen oder Kissen. Ein völlig neues Raumempfinden. Die Atmosphäre: surreal. Ein Tisch hängt kopfüber von der Decke, das Essen noch darauf. Vinylplatten, von Spazierstöcken aufgespießt. Partituren prangen an der Wand, Schwarzlicht. Fünf Sänger stehen auf einer Tribüne, hinter ihren Köpfen sind Kissen montiert, als würden sie eigentlich liegen und schlafen. Alles eine Sache der Perspektive. Thomas Goerge inszeniert zwei Stücke von Paul-Heinz Dittrich, die im offiziellen DDR-Realismus keine Chance hatten.

In „Die Blinden“ (uraufgeführt 1983) nach Maurice Maeterlinck finden sich fünf Menschen, nichts sehend, auf einer Insel wieder. Sie warten auf ihren Anführer, Beklemmung und Bedrohung breiten sich aus wie Gift. Dazu ein Bläserquintett (Leitung: Diego Martín Etxebarría): scharfzüngiges Flötenspiel, schrilles Oboenpfeifen, ein Cembalo, das unter Frank Gutschmidts Händen fast elektrisch klingt. Dittrich hat die Häufung einzelner Konsonanten und Vokale im Text zur Grundlage seiner Kompositionen gemacht. Eine Atmosphäre, in der viel Beckett steckt, auch Gore Verbinskis Horrorschocker „Der Ring“. Das Programmheft legt die Assoziation nahe, es handele sich hier um Lampedusa-Flüchtlinge. Ein schwarzer Darsteller (Abdoul Kader Traore) geht ständig durch die Reihen, die Leute müssen die Beine einziehen, bequem kann es sich keiner machen.

Dann „Die Verwandlung“ nach Kafkas Erzählung. Nur noch drei Musiker. Der Riss zwischen dem Ich und der Welt steckt vor allem in der Geige (Thorsten Rosenbusch). Dittrich zieht zwei Kafka-Texte zusammen: Gregor Samsa, in ein Ungeziefer verwandelt, reflektiert über sein Verhältnis zum Vater im berühmten „Brief an den Vater“, vorgetragen von einem Sprecher. Lionel Poutiaire Somé kämpft allerdings mit der Sprache, kommt übers mechanische Deklamieren nicht hinaus, flüchtet sich in Zorn und Trotz, wo Zweifel und existenzielle Verstörung angebracht wären. Dass zwei afrikanische Darsteller Fremdsein illustrieren, bleibt genau das: illustrativ. Dann aber dreht der eine an einer Trommel und stellt mal eben ein komplettes Zimmer auf den Kopf. Im Evozieren solcher Stimmungen ist der Abend stark.

Wieder am 2., 4., 5., 9., 11. April.

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