Staatsoper : "Jetzt rede ich"

Der Generalmusikdirektor Daniel Barenboim erklärt, warum es an seiner Berliner Staatsoper gar keine Krise gibt.

Frederik Hanssen
Barenboim
Meldet sich zu Wort. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim: An der Staatsoper gibt es keine Krise. -Foto: ddp

BerlinLange, sehr lange hat er geschwiegen, sah zur Rechten wie zur Linken seine Führungsmannschaft niedersinken, musste in der Zeitungen gar manche Spekulation lesen über sich und die Musiker, die ihm lieb und teuer sind. Am Freitag aber erhob Daniel Barenboim endlich seine Stimme, kam aus Wien herüber geflogen, wo er gerade mit den dortigen Philharmonikern probt, und lud um 20 Uhr zur Pressekonferenz in den Orchesterprobensaal. Im Haupthaus Unter den Linden ging derweil „La Traviata“ über die Bühne, in einer Inszenierung von Peter Mussbach, der bis vorgestern Intendant der Staatsoper war, und nach hartem, verlustreichen Kampf das Opfer einer Krise wurde, die gar keine ist.

Der Maestro jedenfalls will keinerlei Anzeichen einer solchen ausmachen. Kritisch werde es für ein Opernhaus doch nur dann, wenn die Kunst kränkele, wenn Vorstellungen ausfielen. Das sei aber hier nicht der Fall. Es handele sich lediglich um ein internes Administrationsproblem, erklärte er – und holte dann aus, um all das Ungute, Unwahre, Unschöne der letzten Wochen aus der Welt zu schaffen. Rein spekulativ sei beispielsweise die Behauptung, er müsse nur mit dem Finger schnipsen, und schon würden Inszenierungen abgesetzt. Der nach sieben Vorstellungen verschwundene „Tristan“ mit Herzog & de Meuron-Bühnenbild fiel allein seiner technischen Komplexität wegen aus dem Repertoire. Alles rein organisatorisch bedingt.

Aus dem Reich der Märchen stammen auch die 1,8 Millionen Euro, die Barenboim angeblich für sein Orchester verlangt habe. Die Staatskapelle wolle lediglich 250 000 Euro wiederhaben, die ihr jüngst weggespart worden sind, außerdem 400 000 Euro, um konkurrenzfähig gegenüber anderen Spitzenensembles zu bleiben und eine weitere halbe Million Euro für „Flexibilität“. Wie bitte? Damit, klärt der Maestro auf, ist gemeint, dass die Musiker auf Tourneen und in Phasen des Hochbetriebs die strengen Regeln ihres Tarifvertrags in Bezug auf Ruhezeiten und Freizeitausgleich mal etwas großzügiger auslegen. Interessant.

Schlechte Worte über Peter Mussbach werde man von ihm nicht hören, stellte Barenboim klar. Nur soviel: Interna in die Öffentlichkeit zu zerren, gehöre sich nicht. Seit dem Tag, als Mussbach im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses Wowereit und Barenboim „Mafia“ genannt hat, haben die zwei Künstler kein Wort mehr gewechselt. Ambitionen, die Lindenoper alleine zu leiten, hat der Dirigent nicht. Genaue Vorstellungen darüber, ob der lieber einen Regisseur oder einen Manager als Intendanten haben möchte, aber auch nicht. Ziemlich deutlich hingehen ist seine Einstellung zur Opernstiftung: Für deren Existenz sieht er „keinen Grund“. Darum riss ihm auch die Hutschnur, als nach dem ersten gescheiterten Wirtschaftsplan Opernstiftungsdirektor Stefan Rosinski beauftragt wurde, mit Mussbach einen neuen Etatentwurf für die Staatsoper zu erstellen. Da sei der Interessenkonflikt vorprogrammiert, das widerspräche dem Grundsatz autonomer Häuser, über die die Stiftung lediglich eine Kontrollfunktion ausübe. So etwas lasse er sich nicht bieten. Basta.

Ach ja, der Spielplan der kommenden Saison wurde am Freitag auch vorgestellt. Ein hauptstadtwürdiger Premierenreigen, der mit einem neuen „Eugen Onegin“ von Barenboim und Achim Freyer beginnt (mit Rolando Villazon in der Titelpartie), die Uraufführung von Peter Ruzickas „Hölderlin“-Oper bietet, einen Gounod-„Faust“ mit René Pape als Teufel, die Sicht des Regisseurs Stefan Herheim auf „Lohengrin“ und die des Dirigenten René Jacobs auf Haydns „Orlando Paladino“, und der mit einer „Entführung aus dem Serail“ endet, für die Michael Thalheimer sich vom Deutschen Theater Sven Lehmann als Bassa Selim mitbringt. Bei zwei Neuproduktionen sind die Regieposten offen. Aber Ronald Adler, seit Januar Operndirektor des Hauses und seit gestern Interims-Intendant, zeigte sich zuversichtlich, dass man bald einen adäquaten Ersatz für den in den Programmbroschüren noch abgedruckten Peter Mussbach finden werde.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben