Staatsoper : Leidenschaft in Serie

Das Staatsballett Berlin zeigt Patrice Barts Shelley-Hommage „Das flammende Herz“ an der Staatsoper.

Sandra Luzina

Als engelgleich wurde seine Erscheinung beschrieben. Zudem fiel er durch eine außerordentliche Empfindsamkeit auf. Percy Bysshe Shelley, einer der bedeutendsten Dichter der englischen Romantik, betörte zeit seines Lebens die Frauen, er fesselte aber auch die Männer. Auch nach seinem Tode war der Poet und Freigeist Gegenstand schwärmerischer Verehrung seitens der Schriftsteller. Das unkonventionelle Leben des exzentrischen Engländers, der gegen die Fesseln bürgerlicher Moralvorstellungen aufbegehrte, war immer wieder Anlass für Spekulationen. Eine Legende rankt sich auch um seinen mysteriösen Tod. Shelley ertrank im italienischen Exil bei einem Segelunfall. Nach alter Sitte wurde sein Leichnam verbrannt, das Herz des Dichters aber – so hieß es – wollte nicht brennen.

„Das flammende Herz“, Patrice Barts Kreation für das Staatsballett Berlin, will beides sein: Hommage an Percy Bysshe Shelley und Huldigung an Vladimir Malakhov, in dem er einen Seelenbruder des engelgleichen Romantikers erblicken möchte. Mehr an Bewunderung geht wohl nicht. Leider wurde „Das flammende Herz“ mit seiner choreografischen Schönschrift doch nur eine uninspirierte Dichterverklärung. Ermannio Florio hat Kompositionen von Felix Mendelssohn Batholdy für das Ballett zusammengestellt und steht auch selbst am Pult der gut aufgelegten Staatskapelle Berlin. Für optische Reize sorgen das dezent verspielte Bühnenbild von Ezio Toffolutti und die eleganten Roben von Luisa Spinatelli. Das Tänzeraufgebot ist beeindruckend. Bart schuf ein Ballett mit reicher Personnage, neben der Titelpartie für Malakhov kreierte er Rollen für fünf der herausragenden Ballerinen und bringt auch einen männlichen Freund und Rivalen ins Spiel. Martin Buczkó verkörpert den skandalumwitterten Lord Byron – liefert aber eher die Karikatur eines literarischen Dandys ab. Als liebende Frauen umgarnen Iana Salenko, Nadja Saidakova, Polina Semionova, Beatrice Knop, Elisa Carrillo Cabrera und Elena Pris den verzückten Malakhov. Shelley hat die Frauen geliebt – und er entflammte immer wieder für eine neue Muse. In seinem kurzen, rastlosen Leben hat er in den unterschiedlichen Verbindungen gelebt und zwei Ehen geschlossen, die beide unglücklich endeten.

Patrice Bart, der im Galopp durch die dramatische Künstlervita eilt, kapriziert sich vor allem auf die amourösen Verstrickungen des Dichters. Eine Schlüsselszene zu Beginn soll allerdings deutlich machen, wie es um die wahre Leidenschaft des Dichters bestellt ist. Mit der reizenden Iana Salenko tanzt Malakhov den ersten Pas de deux. Ein kurzer Schwebetraum und schon setzt er das Mädchen ab, um sich kurz und heftig in eine Schreibekstase zu werfen. Das sieht dann so aus, dass er auf papiernen Kugeln, die mit verschnörkelten Schriftbändern bedruckt sind, wild herumkritzelt. Die literarische Passion Shelleys kann Malakhov nicht beglaubigen, und wenn er, ein Büchlein in der Hand, in eine Arabesque kippt, sieht das nur gespreizt aus. Auf schwarzen Wänden erscheinen dann die Losungen Atheismus, Anarchie, Brüderlichkeit – als Student verfasste Shelley die Schrift „Die Notwendigkeit des Atheismus“ und wurde deswegen von der Universität Oxford geworfen. Der rebellische Geist des Dichters – er wird hier nur illustriert.

Auch die Frauengeschichten werden rasch abgehakt. Die Leidenschaften gehen hier in Serie: Patrice Bart erzählt aber immer nur die alte Geschichte von männlicher Untreue und weiblicher Eifersucht, und zwar recht schematisch.Vladimir tanzt mit Iana, Nadja, Polina, Elisa und Elena, die Pas de deux sind spielerisch, schwärmerisch, verzückt und entrückt - und meist austauschbar.

Nun ist Bart ein guter Handwerker. Er hat das klassisch-romantische Ballett mit modernen Einflüssen geimpft. Aus dem Bäumchen-wechsel-dich-Spiel werden bei ihm tänzerische Girlanden. Gefällig, hübsch anzusehen, auch wenn bei der Premiere der tänzerische Fluss bisweilen stockte. Doch bei allem Musenzauber gelingt es Bart nicht, die Figuren, etwa Mary Wollstonecraft, immerhin die Autorin der „Frankenstein“-Novelle, zu charakterisieren und zudem die Eigenart der Solistinnen zu unterstreichen. Malakhov, zwischen Verführung und Verzweiflung oszillierend, wirkt tänzerisch verhalten, das Flamboyante bleibt er schuldig.

So hat man den Eindruck, das Ballett könnte auch von Boris Becker und seinen Gespielinnen inspiriert sein. Dennoch gab es am Ende Standing Ovations für Malakhov und seine Musen.

Weitere Aufführungen 22., 25. und 28.6., Staatsoper

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