Kultur : Staatsoper: Maestros Leibgericht

Frederik Hanssen

Internationale Kulturstars wie der Berliner Staatsopern-Chef Daniel Barenboim sind immer unterwegs. Meistens im Flieger von einem Engagement zum nächsten. Manchmal aber wählen sie auch die harte Straße des Fundraising-Alltags - auf dem Weg zu den Menschen, die man ja bekanntlich dort abholen muss, wo sie stehen. Die Herrschaften, die Daniel Barenboim derzeit besonders am Herzen liegen, sitzen allerdings. Nämlich in den Nobelrestaurants rund um die Staatsoper, im "Borchardt", im "Vau", im "Margaux" und im "Guy". Vornehme Etablissements sind das, wo man "speist" und nicht etwa nur profan isst, und deren Inhaber sich Gastgeber nennen; Locations, die Daniel Barenboim nach getaner Dirigenten-Arbeit gerne frequentiert. In diesen vier exklusiven Speisegaststätten nun startet am 1. September ein neues, deutschlandweit einmaliges Projekt: Jedem Kunden, der dort die Speisekarte aufschlägt, wird ein Brief entgegenfallen, geschrieben von Barenboim höchstpersönlich und versehen mit den Logos der Staatsoper und des jeweiligen Restaurants.

Nachdem der Maestro höflich die Geschmackssicherheit des "lieben Gastes" gelobt hat - der hat nämlich offensichtlich dieselben Qualitätsansprüche wie Barenboim selbst -, rückt er mit seinem Anliegen heraus: Mäzene für sein Opernhaus möchte er gewinnen, um auch dort ein "höchstmögliches Niveau" bieten zu können. Das aber gehe "nicht ohne Geld". Dass seine Staatsoper 84 Steuermillionen pro Jahr erhält, verschweigt er geflissentlich - schließlich geht es hier um eine Aktion nach amerikanischem Vorbild.

Dort wird die Kunst bekanntlich von Privatpersonen finanziert, von Menschen, die sich regelmäßig Luxusrestaurants leisten können - und dann immer noch satte Summen für die Kultur übrig haben. Solche Leute muss man kennen, wenn man überleben will. Genau dabei sollen nun die Berliner Promi-Gastronomen helfen - als Katalysatoren: In zwangloser Atmosphäre erfahren die Vermögenden beim Abendessen etwas über die Nöte der bedürftigen Staatsoper - ganz dezent, so wie es dem Stil von "Vau", "Guy" und Co. wie auch der Spenderzielgruppe entspricht. Die Sache ist clever durchdacht: Weil die edlen Gönner ihre Anschrift auf der Spendenquittung vermerken, um an die steuermindernde Bescheinigung heranzukommen, können sich die Erfinder der Aktion - der Freundeskreis der Staatsoper - allmählich eine Adressenkartei zahlungskräftiger Kunstfreunde aufbauen.

Barenboim, als Musiker eher ein Gourmand mit Vorliebe für die deutsche Klassiker-Küche (zehn Wagner-Opern in zwei Wochen!), gibt sich auf die Frage nach seinen Leibgerichten diplomatisch: Er sei immer offen und probiere von jedem gerne. Eine Überraschung sei es allerdings gewesen, in den befreundeten Restaurants tolle deutsche Rotweine kennenzulernen. Sein aktueller Lieblingstropfen? 2001er Neuberliner Spendenberg.

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