Staatsoper : Ringen um den Rang

Neues im Streit um die Renovierung des von Richard Paulick geschaffenen Zuschauersaals.

Frederik Hanssen

Während sich hinter den Kulissen der Staatsoper ein Librettist und sein Komponist bekriegen, geht in der Öffentlichkeit die Debatte weiter, ob das Traditionshaus Unter den Linden vier(t)rangig werden soll. Der Vorschlag des Architekten Stephan Braunfels, Richard Paulicks 1955 geschaffene Neorokoko-Ausstattung des Zuschauerraums originalgetreu nachzubilden, zur Verbesserung der Akustik aber gleichzeitig die Saaldecke um 3,90 Meter anzuheben (Tsp. vom 13. November), stieß sowohl bei international renommierten Künstlern wie auch bei lokalen Befürwortern der historisierenden Optik auf Begeisterung. Von Seiten des Freundeskreises der Staatsoper war zu hören, die vorgestellte Variante käme der „Forderung des Vereins recht nahe“. Michael Braun, der kulturpolitische Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus, sprach von einem „attraktiven Vorschlag“.

Aus dem Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner (gmp), das in Berlin unter anderem den Hauptbahnhof realisiert hat, hört man dagegen andere Töne. Volkwin Marg und Hubert Nienhoff, die federführend den Entwurf betreut haben, mit dem das Büro im Mai beim ersten Wettbewerb um die Staatsopernsanierung den dritten Preis gewonnen hatten, zeigen sich überrascht davon, dass Braunfels’ Entwurf dem ihren „sehr ähnlich“ sei. Im Gegensatz zur offensichtlichen Skizzenhaftigkeit des Braunfelsschen Vorschlags hätten sie jedoch alle Aspekte des Vorhabens von der Akustik bis zu den Sichtachsen durch Gutachten detailliert prüfen lassen.

Marg und Nienhoff schienen tatsächlich den dritten Weg gefunden zu haben, der alle, denen gute Hör- und Sichtbedingungen wichtig sind, mit jenen versöhnt, die sich ein „festliches Ambiente“ wünschen. Ihr Saal erstrahlt in Elfenbein, Gold und Rot wie bei Richard Paulick, respektiert also „das gewohnte und geliebte Farb- und Lichtambiente“. Er orientiert sich jedoch nicht am Rokoko, sondern an der klassizistischen Außenfassade des Hauses. Oberhalb des dritten Ranges wollen Marg und Nienhoff eine umlaufende Säulengalerie einziehen, die zur Verbesserung der Akustik beitragen soll. Sie ist gleichzeitig als eine mit Bars ausgestattete zusätzliche Pausenhalle nutzbar, von der man in den Saal schauen kann. Platz für einen bestuhlten vierten Rang, wie Braunfels ihn vorsieht, ist dagegen nach Meinung von gmp nicht.

„Wir drängen uns nicht als Architekten in den Vordergrund, sondern wir sorgen für Regie und Inszenierung: Was wir erhalten wollen, ist die Stimmung des Raumes“, erklärte Marg gegenüber dem Tagesspiegel. Mit diesem Entwurf, davon ist Volkwin Marg überzeugt, hätte er das Rennen machen müssen, nicht der moderne Saal von Klaus Roth: „Erst der ideologische Fehlentscheid des mehrheitlich tendenziös voreingenommenen Preisgerichts zugunsten eines als Stilbruch inszenierten Radikaleingriffs löste eine derart kontroverse Debatte aus, dass die Auslober – Bund und Land Berlin – meinten, zum Rückzug blasen zu müssen.“

Während Stephan Braunfels noch zögert, haben Gerkan, Marg und Partner sich entschlossen, auch am neuen, veränderten Vergabeverfahren für die denkmalgerechte Staatsopernsanierung teilzunehmen. Die Bewerbungsfrist endet am 24. November. Frederik Hanssen

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