Staatsoper : Saalschlacht

Immer Ärger mit der Kunst: Die Berliner Parteien streiten um die Staatsoper.

Frederik Hanssen

„Dann geh’ doch nach drüben!“, lautete im alten West-Berlin die übliche, rotzig- zynische Empfehlung an allzu nörgelige Zeitgenossen. Denselben Rat geben die Fans des Pseudo-Rokoko-Saals der Staatsoper derzeit allen, die sich aus Gründen der Sicht- und Hörverbesserungen für einen Neubau des Zuschauerraums einsetzen. In Charlottenburg, in der Deutschen Oper, könne man schließlich ein modernes Haus mit all seinen Vorzügen genießen. Darum gelte es, in der historischen Mitte Gewachsenes zu erhalten.

Die Emotionalität, mit der am Montag im Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses über die Renovierung der Staatsoper gestritten wurde, zeigte, wie tief diese Frage die Parlamentarier spaltet – und dass hier ein baufälliges Opernhaus instrumentalisiert wird, um Ideologiedebatten zu führen. Den Part der Progressiven vertraten dabei Opernstiftungsdirektor Stefan Rosinski sowie der Architekt Peter Kulka. Letzterer hatte der Jury vorgesessen, die jüngst für den Entwurf eines modernen Saals von Klaus Roth votiert hatte. In einem flammenden Plädoyer rief er den Abgeordneten zu: „Die Politik muss jetzt die Frage beantworten, was Berlin will: Rückschau oder Aufbruch?“ Dass die DDR die Staatsoper 1955 in einer freien Fantasie aus dem Musterbuch des Rokoko wieder aufbauen ließ, sei doch nur dem schlechten Gewissen der Staatsführung nach dem Abriss des Schlosses geschuldet gewesen, so Kulka.

Diese Geschichtsdeutung musste Ex- Kultursenator Thomas Flierl von der PDS auf den Plan rufen: Der lobte die Nachschöpfung preußischer Gloria durch Richard Paulick und mahnte, nicht ausgerechnet jetzt, wo das Schloss wieder auferstehe, real existierende Denkmäler wie den Staatsopernsaal zu eliminieren. Ein Zusammenwachsen von Ost und West lasse sich auch daran erkennen, dass dieses „sich gemeinsam angeeignete Gebäude“ erhalten werde.

Da befindet sich Flierl im Widerspruch zu seinem modernisierungswilligen Fraktionskollegen Wolfgang Brauer – und in ungewollter Koalition mit der CDU. Dass deren kulturpolitischer Sprecher Michael Braun allerdings nur davon sprach, der Reiz der location Staatsoper liege in ihrem „historisierenden Stil“, machte deutlich, dass es der konservativen Fraktion letztlich nicht um Paulick geht, sondern nur darum, dass überhaupt Stuck an den Wänden klebt.

Auch Brigitte Lange von der SPD klammerte sich an den vagen Begriff vom „festlichen Ambiente“. Die Sozialdemokraten haben sich genau wie PDS und die Grünen im ästhetischen Streit noch nicht festgelegt. Klar für das moderne Konzept spricht sich derzeit nur die FDP aus. Alle Fraktionen ließen am Montag jedoch deutlichen Informationsbedarf erkennen. Die Zeit aber drängt. Soll der avisierte Baubeginn im Sommer 2010 eingehalten werden, muss die Saalschlacht vor der Sommerpause im Parlament entschieden sein. Kultursenator Klaus Wowereit blieb der Sitzung übrigens fern. Er weilte zum Fußballgucken in Wien. 

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