Staatsschauspiel Dresden : Türme und Stürme

Alles so schön jung hier: Saisonstart am Staatsschauspiel Dresden unter dem neuen Intendanten Wilfried Schulz.

Christine Wahl
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Neue Form von Bürgerlichkeit. Zu den Eröffnungspremieren in Dresden gehört eine Adaption von Goethes Roman „Wilhelm Meisters...

Kaum hat der fesche Papa Capulet (Ahmad Mesgarha) mit stilechtem Tom-Jones-Hüftschwung „Sex Bomb“ angestimmt, klingeln drei seiner Diensthandys gleichzeitig. Macht aber nichts: Es fällt gar nicht weiter auf, dass der alte Capulet sich damit langfristig aus dem Geschehen abmeldet. Rechts schwingt sich nämlich bereits eine hip-hoppige Kapuzengestalt über einen Bauzaun, dahinter gibt’s Shakespeares Verona noch mal als Video-Variante, und links ergießt sich ein illustrer Maskenball über die Bühne. Daraus, dass die Partygäste sämtlich Politikermasken tragen und Angela Merkel in einem gewagten Charleston Guido Westerwelle umhüpft, sollte man allerdings keine falschen Schlüsse ziehen. Politik ist nichts, Pop alles in Simon Solbergs „Romeo und Julia“-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden. Hier schafft es sogar Wladimir Putin zur Jugendikone.

Shakespeares Liebesgeschichte gehört zu den Premieren, mit denen der neue Intendant Wilfried Schulz soeben seine Amtszeit in der sächsischen Landeshauptstadt einläutet. Und mindestens in einem Punkt war der Abend programmatisch: Lauter konnte sich das Dresdner Theater, das zuletzt unter der Leitung von Holk Freytag recht ausstrahlungsarm vor sich hindämmerte, gar nicht zurückmelden. Den meisten, die der MTV-Zielgruppe entwachsen sind, dürfte das wilde Regie-Zapping zu schrill und Shakespeares Text zu leise getönt haben. Aber das war wohl erstmal zweitrangig. Am Morgen nach der Premiere trifft man in der hauseigenen Rangfoyer-Kneipe „Felix“ jedenfalls auf einen sichtlich erleichterten Intendanten. Egal, wie die Arbeiten im Einzelnen bewertet würden: Er habe den Eindruck, sagt Wilfried Schulz, in jedem Fall den Sprung aus der „Misstrauensecke“ geschafft zu haben, aus der so manche dem neuen Theatertreiben entgegengesehen hatten.

Tatsächlich sieht Schulz’ Neustart um einiges riskanter aus als viele andere Leitungswechsel dieser Theatertage. Während auf dem Intendantenkarussell von Hamburg bis Wien oft eine überschaubare Zahl von Regisseuren lediglich rotiert, versucht Schulz, der über die Theaterstationen Basel, Hamburg und Hannover nach Dresden gekommen ist, tatsächlich etwas ganz Spezifisches. Er nennt es eine selbstbewusste „Jugendlichkeitsbehauptung“.

Den immensen Anteil grauer Köpfe im Dresdner Parkett hatte nicht nur der 57-jährige Neu-Intendant vor seinem Amtsantritt registriert. „Ich dachte: Mit einem Theater, in dem ich den Altersdurchschnitt senke, kann irgend etwas nicht stimmen“, erinnert sich Schulz. Mit den Gegenmaßnahmen hat er nicht lange gezögert: Keiner der vier Eröffnungsregisseure ist älter als 35. Die beiden Künstler, die Schulz als Hausregisseure engagiert hat – Tilmann Köhler und Julia Hölscher – werden dieses Jahr sogar erst 30 Jahre alt.

Während Köhler sich den Dresdnern im Oktober mit Brechts Börsenreißer „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ vorstellen wird, präsentierte sich Hölscher, die Gewinnerin des renommierten Nachwuchsfestivals „Körber Studio Junge Regie“ von 2007, bereits beim Eröffnungspremierenreigen mit einer Bühnenversion von Ingo Schulzes Roman „Adam und Evelyn“. In ironischer Anlehnung an die Schöpfungsgeschichte erzählt der Autor von einem Damenmaßschneider, der seine Kundinnen nicht nur einkleidet, sondern auch beschläft und deshalb von seiner Freundin just im denkwürdigen Sommer 1989 gen Ungarn verlassen wird. Der Schneider (Benjamin Höppner) tritt in seinem alten Wartburg umgehend die Verfolgung an und findet sich mit Evelyn (Karina Plachetka) und Tausenden anderen DDRlern am Balaton wieder – hin- und hergerissen von der Frage, ob man den Fluchtversuch über die grüne Grenze wagen soll oder nicht.

Der Ansatz – szenische Abstraktion, starker Formwille, ausdrückliche Konzentration auf die Schauspieler – macht auf die junge Regisseurin neugierig. Auch wenn er sich im Falle von „Adam und Evelyn“ nicht so recht einlöst. Während Ingo Schulze die biblische Folie in Richtung 1989 konkretisiert, geht Hölscher den Weg gleichsam wieder zurück in die Abstraktion und kommt daher gar nicht erst in die Nähe lauernder DDR-Devotionalien-Fallen. Dafür drückt sie sich mit mal mehr, mal weniger originellen Universalbildern von Umbrüchen und Beziehungsmustern gänzlich um das Spezifikum von Schulzes Geschichte herum. Die Figuren bewegen sich derart ort- und zeitlos durch den hellen leeren Raum, dass man das Gefühl nicht los wird, die Form sei längst vor dem Text da gewesen und auch künftig noch vielfach einsatzfähig. Höchst infektiös bricht sich allerdings auch hier die Lust des Ensembles an neuen Spiel- und Arbeitsformen Bahn – vor allem bei dem Quartett Lore Stefanek, Torsten Ranft, Anna-Katharina Muck und Doreen Fietz, das in alle erdenklichen Episodenrollen von der Polizistin bis zur West-Wirtin schlüpfen darf.

Ingo Schulze bleibt nicht der einzige Dresdner Gegenwartsautor auf Schulz’ Bühne. Die nächste Saison wird mit einer Adaption von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ eröffnet, der die letzten DDR-Jahre im Dresdner Villenviertel Weißer Hirsch beschreibt. Wer Regie führt, mag Schulz noch nicht verraten.

Sicher ist indes, dass sich mit dem Tellkamp’schen Mammutwerk eine inhaltliche Klammer zum diesjährigen Saisonauftakt schließt. Denn auch der begann mit einer Turmgesellschaft. Friederike Heller hat Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ als modernen Dreistünder über Bürgersöhne mit künstlerischen Neigungen, die Projektionswut junger Bühnenangehöriger und somit als programmatisches Nachdenken des Theaters über sich selbst inszeniert.

Mit Drehbühne, gehobenen Kostümwechseln, Marionetten, Ironie, einem tollen Ensemble und der Hamburger Band Kante, deren gefälliger Emo-Sound in erster Linie exemplarisch den Abstand zwischen Goethe und uns ausmisst. Eines von Wilfried Schulz’ erklärten Zielen, nämlich den in Dresden eher konservativ besetzten Begriff der Bürgerlichkeit einem Paradigmenwechsel zu unterziehen, hat sich mit diesem „Wilhelm Meister“ zweifellos schon eingelöst.

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