Staatstheater Cottbus : Peer Gynt als Oper

Werner Egks Opernversion von Henrik Ibsens Drama "Peer Gynt" war bis in die sechziger Jahre ein viel gespieltes Stück. Dann geriet der Komponist in Verruf - wegen der Rolle, die er im "Dritten Reich" gespielt hatte. Das Staatstheater Cottbus stellt die Oper nun erneut zur Diskussion.

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Andreas Jäpel (Peer Gynt) und Matthias Bleidorn (Trollkönig, oben)
Andreas Jäpel (Peer Gynt) und Matthias Bleidorn (Trollkönig, oben)Foto: Marlies Kross

Martin Schüler ist einer, der warten kann. 1977 hat er Werner Egks „Peer Gynt“ kennen gelernt, der Tipp kam von Harry Kupfer, dessen Assistent er damals war. Schüler fuhr nach Leipzig, war hin und weg von der Oper und schwor sich: Dieses Stück werde ich irgendwann auch inszenieren! Jetzt hat er seinen Jugendtraum verwirklicht, am Cottbuser Staatstheater, wo er seit 2003 Intendant ist. Dass es die 100. Inszenierung seiner Karriere geworden ist, war purer Zufall.

Bis weit in die sechziger Jahre hinein war Werner Egk eine feste Größe im deutschen Musikleben. Als aber überall in der Bundesrepublik die Studenten begannen, der Vätergeneration Fragen zu ihrer Haltung im „Dritten Reich“ zu stellen, versuchte er, die eigene Vita schönzureden. Der 1901 geborene Egk hatte sich während der Weimarer Republik für die Avantgarde begeistert, für Strawinsky, Bartók und Kurt Weill, war in München in den Künstlerkreis um Carl Orff hineingewachsen. Nach seinem ersten Erfolg 1935 mit der Märchenoper „Die Zaubergeige“ bot ihm der Berliner Staatsopernintendant Heinz Tietjen eine Kapellmeisterstelle an und bestellte gleich noch ein neues Werk. „Peer Gynt“ wurde zum Publikumshit, der auch Adolf Hitler gefiel. 1941 ließ sich Egk von Goebbels zum „Leiter der Fachschaft Komponisten“ in der Reichsmusikkammer berufen, lieferte Musik für Propaganda-Anlässe, dirigierte in den besetzten Gebieten.

Allerdings trat er nie der NSDAP bei. Darum stuft ihn der kanadische Musikwissenschaftler Michael H. Kater, ein Spezialist für die Musik im NS-Staat, als opportunistischen Karrieristen ein, nennt Egk in einem Atemzug mit Herbert von Karajan, Elisabeth Schwarzkopf und Karl Böhm.

Das alles wusste Martin Schüler nicht, als er sich einst spontan für die farbige Musik des „Peer Gynt“ begeisterte, für den Theaterinstinkt, mit dem Werner Egk das ausufernde Drama von Henrik Ibsen 1938 zum effektvollen Dreiakter komprimiert hatte. Differenziert wird die Werkgeschichte nun im Programmheft der Cottbuser Neuinszenierung dargestellt. Auf der Bühne des Staatstheaters aber widersteht der Regisseur der Versuchung, die Bösewichter des Stückes, das Trollvolk, als Nazis auftreten zu lassen. Er will eine allgemeingültige Parabel zeigen.

Schüler ist ein erfahrener Geschichtenerzähler, ein Meister der inzwischen fast ausgestorbenen Schule des realistischen Musiktheaters. Er macht Oper, die sich nicht schämt, als Oper kenntlich zu sein. Vor allem aber ist er ein leidenschaftlicher Teamplayer, der genau weiß, wer von seinen Leuten was kann, wie er mit den unterschiedlichen Talenten der hauseigenen Truppe szenisch schlüssige Lösungen realisiert.

Beim „Peer Gynt“ kommt er ganz ohne Gastsänger aus, seine 15 Solisten teilen sich 25 Rollen. Andreas Jäpel, seit 1999 am Haus, sieht als Peer Gynt mit Pferdeschwanz und Dreitagebart aus wie Crossovergeiger David Garrett und gebärdet sich auch so. Ein vor Selbstbewusstsein platzender Naivling mit kernigem Bariton. Cornelia Zink hat für die Solveig leuchtende Töne, die rein sind wie das Herz der Treuen, Matthias Bleidorn ist ein Trollkönig von starker Charakterzeichnung, Gesine Forberger seine verführerisch lockende Tochter. Fast alle anderen müssen sich verdoppeln, selbst Jens Klaus Wilde, der in Cottbus sonst die Tenor-Titelpartien singt, ist sich nicht zu schade, zwei Stichwortgeber zu mimen. So wird der Abend zum Triumph des traditionellen Ensembletheaters.

Ausstattungsleiterin Gundula Martin hat ihrem Intendanten ein expressionistisches Bühnenbild aus geometrischen Formen gebaut, für die Sänger aber historische Kostüme entworfen. So reibungslos läuft die Geschichte auf offener Drehbühne ab, so selbstverständlich agieren die Sängerdarsteller, dass den Zuhörern genug Aufmerksamkeit für die Musik übrig bleibt. Die nämlich ist das wirklich Faszinierende an „Peer Gynt“. Weil sie alle paar Minuten ihre Ästhetik wechselt, weil hier alle Musikstile auftauchen, die bei den Nazis verboten waren. Das Stück beginnt im üblichen Sprechgesangsduktus der Entstehungszeit, doch bald fahren fremde Töne dazwischen: ein dissonant angeschärfter norwegischer Volkstanz in der Hochzeitsszene, Charleston, Cancan und Jazz bei den Trollen, die gerne auch mal hinter der Bühne einen sentimentalen Operettenchor mit bittersüßer Zigeunergeige intonieren.

Der Trollkönig und seine Tochter stellen sich mit einer sozialkritischen Moritat im Weill'schen Songspielstil vor, Peers amerikanische Geschäftspartner geben sich musicalhaft, in einer Table-Dance-Bar erklingt ein hocherotischer Tango, bevor sich Peer dort mit einem Paso Doble zum Affen macht, der stark an den Schlager „Schöne Isabella aus Kastilien“ erinnert.

Ein buntscheckiger Klangcomic ist dieser „Peer Gynt“ also, äußerst kurzweiliges Unterhaltungstheater, vielleicht der einzige gelungene Versuch, das biedermeierliche Genre der deutschen Spieloper mit den Musikmitteln des 20. Jahrhunderts wiederzubeleben. Mit seinen hoch motivierten Musikern bringt Generalmusikdirektor Evan Christ die chamäleonhafte Partitur zum Funkeln.

Erst ganz am Ende, wenn Solveig, die Treue, ihre große Szene hat, kann, wer will, nationalsozialistisches Gedankengut durchblitzen sehen: „Um mich, den Verfemten, hast du alle verlassen?“, fragt Peer. Im Jahr nach der Ausstellung „Entartete Musik“, die 1937 in Düsseldorf gezeigt wurde, lässt sich dieser Satz ideologisch so lesen: Gynt, der rastlos durch alle Sphären der dekadenten, jüdisch dominierten Modemusikwelt gehetzt ist, wird von Solveig heimgeholt ins Reich der unschuldigen Diatonik. Wie mit einem wärmenden Mantel umhüllt sie den ästhetisch Verwirrten mit ihren schlichten Kantilenen, träufelt ihm reinigende Melodien ins Ohr. Ein Happy End in heuchlerischer Harmonie.

Wieder am 4. Februar, 5. und 14. März, 8. April und 3. Mai. Informationen unter: www.staatstheater-cottbus.de

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