Staatstheater in Stuttgart : Schampus mit Slivo-Witz

Philipp Stölzl schüttelt in Stuttgart „Die Fledermaus“ ordentlich durch.

Joachim Lange
Die Welt ist aus den Fugen. Stuttgarter „Fledermaus“-Szene.
Die Welt ist aus den Fugen. Stuttgarter „Fledermaus“-Szene.Foto: Martin Sigmund

So viele Einsatzwagen der Polizei vor einem Opernhaus sieht man selten, im an sich so friedlichen Stuttgart ist momentan so ziemlich alles aus den Fugen. Zwischen Bahnhof, Oper und Schloss proben die Schwaben ihren „Wir sind das Volk“-Aufstand und drinnen, im Staatstheater, wo Heiner Geißler sich tagsüber als Schlichter betätigt, steht prompt die gute alte „Fledermaus“ Kopf. „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“? Bei Philipp Stölzl hat das nichts mit dem Rabatz vor der Tür zu tun. Keine Spur von lokaler oder gar großer Politik und Geschichte, keine doppelten Böden unter Johann Strauß’ perfekt komponierter Melodienseligkeit.

Dass selbst der Gefängniswärter Frosch die Chance zum kabarettistisch schwäbelnden Rundumschlag pro oder contra Stuttgart 21 nicht nutzen würde, ist schon bei seinem ersten Auftritt klar. Bereits vor der Ouvertüre geistert Josef Ostendorf nämlich das erste Mal durch das lädierte Waldstück, das Conrad Reinhardt und der Regisseur (beide als Bühnenbildner) an der Rampe platziert haben. Er lebensphilosophiert vor sich hin und sammelt die Schampusreste aus den herumliegenden Pullen in einem Tank, die er dann im dritten Akt als den unvermeidlichen Slivo-Witz hinunterkippt. Schon da ist er mehr als Gehilfe des tieftraurigen, puck-ähnlichen Spielmacher-Clowns Orlowsky unterwegs, denn auf eigene Komödianten-Rechnung.

Diese beiden setzen während der Ouvertüre ein Spiel in Gang, das sich zwar nicht zu einer nachtschwarzen Tiefenlotung auswächst, mit seiner melancholischen Mittsommernachtsstimmung aber durchaus gefangen nimmt. Die „Ballettratten“ etwa tragen Tiermasken und Strapse und tummeln sich nicht nur metaphorisch im Unterholz der Obsessionen. Und hinter dem Waldstück öffnet sich der Salon der Eisensteins: Ein Würfel mit Kachelofen, Standuhr, Riesenkronleuchter und Tafel fürs Abschiedssupper, hell, clean und bürgerlich schmuck. Und natürlich aus dem Lot. Schnell ist klar, dass dieser Raum zu Orlowskys Ball auf dem Kopf stehen wird – und im Gefängnisakt einem wüsten Trümmerfeld gleicht. Ein bisschen zu schnell vielleicht.

Neu ist das alles nicht, man denke nur an Andreas Homokis Berliner „Rosenkavalier“-Inszenierung. In dieser „Fledermaus“ aber wirkt es und stiftet Sinn. Wenn der Raum dann sogar zu rotieren beginnt und jeden schönen schnöden Schein durcheinanderwirbelt, die ganze Personnage, die sich mit Champagner betäubt, Intrigen spinnt oder auf Rache sinnt, dann ist Stölzl nah dran am Kern der Operette. Ästhetisch mag die Lust am Spektakel dominieren; in ihrer Figurenzeichnung aber vertraut die Regie geradezu wohltuend altmodisch – ohne übertriebenen Neudichtungsehrgeiz auch für die sanft angepassten Sprechtexte – der Handlung und dem traurigen Prinzen Orlowsky.

Bei Paul Armin Edelmanns Eisenstein kommt zum exzellenten Gesang noch die angeborene Wiener Geschmeidigkeit in der Diktion hinzu, ein Pfund, mit dem das restliche Ensemble nicht eben wuchern kann, bei allen Qualitäten. Ob die wunderbar frech jammernde Adele von Anna Palimina, die fast bis zum Schluss handfest höhensichere Adriane Queiroz als Rosalinde, die mezzostabile Helene Schneiderman als Orlowsky oder der wunderbar schmierende Alfred von César Gutiérrez – gesungen wird auf hohem Niveau. Zum musikalischen Triumph wird die Aufführung aber, weil der Österreicher Manfred Honeck seiner lustvoll zelebrierten, idiomatischen Strauß-Souveränität am Pult freien Lauf lässt (nicht nur bei der eingefügten Schnellpolka „Perpetuum mobile“) und sein Orchester ihm darin mit viel Schmiss und schwäbischem Schmäh und in den besten Momenten mit melancholisch-ironischem Hintersinn imponierend sicher folgt.

Wieder am 3., 6., 13., 16. und 20. November

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