Kultur : Stachel für Europa

Jean-Noël Jeanneney über Googles Bibliothekspläne

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Das amerikanische Medienunternehmen Google plant, bis zum Jahr 2010 rund 15 Millionen Bücher zu digitalisieren und als Volltext im Internet durchsuchbar zu machen. Jean-Noël Jeanneney, Direktor der Französischen Nationalbibliothek, hat im Gegenzug Jacques Chirac und fünf weitere europäische Staatsoberhäupter für eine digitale europäische Bibliothek begeistern können. In seiner Kampfschrift „Googles Herausforderung“ (Wagenbach Verlag, 116 Seiten, 9,90 €), die er am Dienstag in Berlin vorstellte, warnt er vor dem Hegemonialanspruch der Amerikaner.

Herr Jeanneney, was haben Sie gedacht, als Sie Ende 2004 von Googles Digitalisierungsplänen erfuhren?

Zunächst war ich froh. Endlich werden die Möglichkeiten des Internets genutzt, dachte ich. Das Kulturerbe der Menschheit wird nun auch denjenigen zur Verfügung gestellt, die dazu bisher wenig Zugang hatten. Also Bravo! Doch dann war ich beunruhigt, weil ich Monopolen misstraue. Wir drohen beherrscht zu werden von einer Suchmaschine, die angelsächsisch und kommerziell ist.

Ist es nicht Googles gutes Recht, Geld zu verdienen?

Profitinteressen sind nicht schlecht, sie waren immer eine Quelle des menschlichen Fortschritts. Aber ich fürchte die Einseitigkeit, die daraus resultiert, dass Google nur Bücher aus amerikanischen Bibliotheken einscannt. Ich bin für kulturelle Vielfalt, wie die Unesco. Nur die Amerikaner sind dagegen. Ich glaube auch nicht, dass eine Welt, die auf Profit als Triebfeder beruht, die beste aller möglichen Welten wäre. Die Absicht von Google, 15 Millionen Werke zu digitalisieren, ist an sich etwas Positives – und ein Stachel für Europa und andere Kontinente, dasselbe zu tun.

Haben die Europäer eine Entwicklung verschlafen?

Google ist nicht mein Feind, sondern jemand, mit dem ich im Namen Europas in einen sportlichen Wettkampf trete. Ich habe die Emotionen, die Googles Ankündigung geweckt hat, genutzt, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass sie handeln müssen. Vor wenigen Tagen hat die EU-Kommission feierlich verkündet, dass eine digitale Bibliothek unerlässlich für Europa ist. Und wir kommen voran. Ende 2006, da bin ich sicher, werden die ersten Ergebnisse vorliegen.

Fürchten Sie dabei nicht das bürokratische Monster Brüssel?

Als wir den TGV gebaut haben und den Airbus und die Ariane, haben wir da etwa bürokratische Monster erzeugt? Zentralisierung widerspricht dem Geist des Internets. Wir müssen eine flexible Struktur für die verschiedenen Akteure in Brüssel finden, um die Probleme der Vielsprachigkeit zu lösen und uns über die Auswahl von Büchern zu einigen. Ich für meinen Teil würde auf die Liste der schnell zu digitalisierenden Werke jene setzen, die zum Fortschritt der Philosophie und der Wissenschaften beigetragen haben.

Was wird die europäische digitale Bibliothek kosten?

Es braucht eigentlich nicht viel Geld. Wenn Sie den Preis eines Airbus nehmen – das würde mir völlig genügen. Mit 200, 300 Millionen Euro in den nächsten Jahren ist viel zu erreichen. Glauben Sie nicht, dass Google umsonst ist. Sie zahlen dafür als Konsument über die Werbung. Als Steuerzahler bekommen Sie ein besseres Angebot.

– Das Gespräch führte Jörg Plath

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