Kultur : Stachel im Fleisch

Vom Milchmann zum Millionär: Sting rauscht in seiner Autobiografie durch die Vergangenheit

Tobias Lehmkuhl

In Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ ist es ein Stück Gebäck, das bei dem Helden eine Flut von Erinnerungen auslöst. Stings Madeleine heißt Ayahuasca und ist eine Droge des brasilianischen Regenwalds. Kurz nach dem Tod seiner Eltern begibt sich der Weltstar zu einer rituellen Zeremonie in der Nähe von Rio de Janeiro. Dort trinkt er das Gebräu und hat erschreckende Visionen, die ihm den Eingang zum „hallenden Saal“ seiner Erinnerung öffnen. So jedenfalls schildert es der 53-Jährige in seiner nun erschienenen Autobiografie „Broken Musik“, die mit der detaillierten und eindringlichen Beschreibung dieses Rausches beginnt.

Es sind vor allem Erinnerungen an Kindheit und Jugend, die sich des Sängers bemächtigen. Sie bescheren dem Leser die atmosphärisch dichte Schilderung einer englischen Industriestadt und ihrer Bewohner kurz nach Ende des Krieges. Sting ist ein guter Beobachter und versteht es, Menschen, die ihm begegnen, knapp und plastisch zu portraitieren. Seine eigene Person stellt er dabei meist in den Hintergrund. Liebevoll spricht er von seinen Freunden, forschend von den Eltern. Wallsend, sein Geburtsort, erscheint in grauer Tristesse: „Nur die selbst nicht gerade bunten Kleider derer, die hier ihr kärgliches Dasein fristen, bringen ein wenig Farbe ins Bild.“

Und doch hängt Sting an dieser Stadt, ihren Bewohnern und deren eigenartigem Dialekt. Nie wird sein Blick kalt, hier und da schleicht sich sogar zarte Ironie ein, etwa wenn er von den ersten Kinoerlebnissen und dem „Schock des Technicolors“ erzählt: „Danach kamen einem die grauen Straßen draußen noch viel farbloser vor, als sie in Wirklichkeit waren.“ Einmal verkauft er Zeitungen an die Werftarbeiter – sein erstes Engagement als Sänger, wie er bemerkt, denn die Schlagzeilen müssen ausgerufen werden.

Jeweils kurz probiert Sting, der seinen Namen bekam, weil er in einem gelbgestreiften Pullover aussah wie eine Wespe, frühe Karrieren als Milchmann, Bauarbeiter und Finanzbeamter aus, um dann schließlich Lehrer zu werden. Etwas aber treibt ihn fort, nicht zuletzt sein Verhältnis zu den Eltern: Um die Anerkennung seines schweigsamen Vaters, dem er der „Stachel im Fleisch“ war, ringt er sein Leben lang. Seine Mutter verehrte er, machte ihr aber gleichwohl schwere Vorwürfe wegen ihrer ehelichen Untreue und riskierte sogar den Bruch. Als er die Musik entdeckt, eröffnet sich ihm sowohl die Möglichkeit zur Flucht in sein inneres Selbst wie aus dem Milieu. Mit Mitte zwanzig gibt er Wallsend, den Job und die mäßig erfolgreiche Band Last Exit auf. Er zieht nach London, wo es nicht mehr lange dauert, bis mit „The Police“ Erfolg und Unabhängigkeit eintreten. Hier endet, ein wenig überraschend, aber nicht verfrüht, das Erinnerungsbuch.

So entgeht Sting der drohenden Selbstbeweihräucherung, die so manche Starbiografie ungenießbar macht. Der „Eitelkeit des Ehrgeizes“ (Sting) bewusst, gelingt ihm eine zurückhaltende Lebensbeschreibung, die nach der Hälfte allerdings in langatmige Konzertberichte ausufert. Die Konstanz des Erfolgs, auf den Sting nicht mehr zu sprechen kommt, scheint sich in der Gleichförmigkeit des Tourlebens bereits anzukündigen.

Obwohl sich in der Verschränkung von Drogenrausch und Kindheitserinnerung und, im späteren Verlauf, von musikalischen und privaten Entwicklungen zeigt, wie bewusst Sting sein Buch komponiert hat, entstehen doch immer wieder auch schöne Momente von Unmittelbarkeit – besonders in der Beschreibungen der Frauen, die er geliebt hat. Zwar bezeichnet er sein Herz einmal als „die Drehtür eines billigen Hotels“, doch den großen Lieben widmet er sich hingebungvoll, mal traurig, mal reuig, mal glücklich. Eine „Roxanne“ ist nicht darunter.

Immer wieder lässt Sting literarische Belesenheit anklingen, gibt historische Erläuterungen und fügt kleine musikgeschichtliche Exkurse ein, darauf bedacht, nicht verkopft zu erscheinen. Doch er kokettiert mit seiner Bildung und den Fallstricken der Transzendenz, in denen er sich gerne verheddert: „Nachdenken und Qual scheinen stets Hand in Hand zu gehen, und das ist das Erbe, das mir mein Katholizismus hinterlassen hat.“

Über The Police, die sich im Streit um Tantiemen getrennt haben, gibt es keine bösen Worte, höchstens kleine Seitenhiebe. Ein schlichtes „Der Rest ist Justizgeschichte“ signalisiert: Olle Kamellen. Dass er aber später noch einmal darauf zurückkommt, zeigt, dass ein Rest von Bitterkeit geblieben ist. Anders verhält es sich mit den Eltern, deren Tod der Auslöser dieser Vergagenheitsbewältigung war. Sie hat er am Ende zurückgewonnen. Ayahuasca sei Dank.

Sting: Broken Musik. Autobiografie. S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2003, 387 Seiten, 19,90 Euro

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