Kultur : „Stachelig bin ich immer noch“

Eigentlich wollte sie nicht mehr. Aber nun veröffentlicht Barbara Thalheim doch wieder ein neues Album. Eine Begegnung.

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Künstlerin mit Charakter. Barbara Thalheims Lieder sind immer auch Bestandsaufnahmen deutscher Befindlichkeiten. Foto: Mike Wolff
Künstlerin mit Charakter. Barbara Thalheims Lieder sind immer auch Bestandsaufnahmen deutscher Befindlichkeiten. Foto: Mike Wolff

In welcher Pose man sie denn fotografieren wolle, will sie vorab am Telefon wissen. Da sei sie heikel, sagt sie, da mache sie nicht alles mit. Nicht aus Divenhaftigkeit, sondern aus Scheu. Sie gehöre zu den Leuten, die sich selbst nicht anschauen, anhören, sich selbst nicht aushalten können.

Zurückhaltung dieser Art ist nicht eben typisch für Bühnenkünstler. Für Barbara Thalheim, die Widerborstige, schon. Die Liedermacherin und Chansonsängerin zählt 66 Lebens- und gut 40 Bühnenjahre. Da könnte, ja sollte sich vielleicht etwas Routine einstellen, im Fühlen, im Denken, im Singen. Nicht bei ihr: Mit ihrem neuen Album „Zwischenspiel“ und auch beim Treffen im „Brot und Rosen“ am Volkspark Friedrichhain beharrt die Thalheim auf ihrer Verwundbarkeit. Keiner ihrer Verluste und Gewinne hat sie weniger verletzlich gemacht.

Dass sie doch wieder auf der Bühne steht, doch wieder ein Album vorstellt, ist ein kleines Wunder. Denn eigentlich wollte Barbara Thalheim nicht mehr.

Der Tod ihres musikalischen Zwillings, des französischen Akkordeonisten Jean Pacalet, der 18 Jahre lang ihr Bühnenpartner war, ließ sie 2011 verstummen – nicht zum ersten Mal. Bereits in den Neunzigern hatte die erst in eine schwere Sinnkrise und dann in eine schwere Krankheit gefallene Chansonette der Bühne den Rücken gekehrt. Doch sie ist wiedergekommen und hat ihren rund 20 Alben und Bühnenprogrammen weitere hinzugefügt, dafür gesamtdeutsch Preise eingeheimst, ihren Platz auf ihre Art zurückerobert: auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.

Dieses Mal wieder. Weil ihre Musiker ihr keine Ruhe gelassen hätten, sagt sie. Sie so lange drängten, bis sie herausfand aus dem Kummer, der bleiernen Lethargie und wieder hinein in die Musik. Die Live-CD, die ein paar neue und viele alte, so aber noch nie arrangierte Lieder versammelt, wurde letztes Jahr bei einem Konzert im Schlossplatztheater Köpenick mitgeschnitten. Dem Jahr, als sich der erste öffentlich Auftritt von Barbara Thalheim 1973 im Ost-Berliner Künstlerklub „Möwe“ zum 40. Mal jährte. Ob sie noch weiß, was sie da gesungen hat? Na klar, nickt die körperlich zierliche, stimmlich kernige Frau. Ein Berliner Lied von Gisela Steineckert sei es gewesen, so ein bisschen im Claire-Waldoff-Stil: „Ich möcht ma mitn Finger inn Himmel pieken“. Das passt zu ihr, das ist ihr mit vielen Liedern gelungen. Auch auf dem neuen, nur vom Jazzgitarristen Rüdiger Krause, dem Percussionisten Topo Gioia und dem Kontrabassisten Bartek Mlejnek begleiteten Album. Mit Titeln wie „Ich bin zum Sehen geboren“ oder „Ich möchte eine Insel sein“. Und manchmal ist dann Blut rausgekommen – wie in „Ich bin so müde“, einem vom Percussionisten bezwingend akzentuierten Trauergesang.

Auch auf dem Plattencover von „Zwischenspiel“ fallen ein paar Tropfen Blut. Von einem Bundesadler, der wie ein nasses Wäschestück an einer mit Schwalben besetzten Stromleitung baumelt. Der dahinter blauende Himmel sei der von Hiddensee, erzählt Barbara Thalheim, ihr Himmel also, „der zwischen Grieben und Kloster“. Hiddensee ist ihre Sehnsuchtsinsel. „Die liebe ich ungeheuer.“

Da und nicht zu Hause im Hugenottenviertel in Mitte hat sie den Jahreswechsel verbracht. Da hat sie ihre Kindersommer verlebt, da tritt die Tochter eines Kommunisten, der die Emigration und das KZ Dachau überlebt hat, jeden Sommer in einer Dorfkirche auf. Da sind die Schwalben schwarz-weiß, nicht schwarz-rot-gold, wie auf dem Cover: „Die und der Adler sind ein Symbol dafür, dass ich mich als politische Künstlerin verorte“.

Bei Thalheim ist auch ein Album mit Liebesliedern immer eine Bestandsaufnahme deutscher Befindlichkeiten. Dafür stehen Lieder wie „Vorm Bandenburger Tore“ und „Mein Kinderland“, ihre Wehmutshymne auf die untergegangene DDR. Nostalgisch, womöglich sogar ostalgisch, sei daran nichts, sagt sie. Das sind sowieso Begriffe, die sie wütend machen. „Es ist einfach die Melancholie des Gewesenen. Die ist nun mal ein wesentliches Lebensgefühl meiner Generation.“ Sie reklamiert das Menschenrecht, ihrem ersten Leben nachtrauern zu dürfen. Und das Bürgerrecht, sich im 25. Jahr des Mauerfalls immer noch ein Stück weit unbehaust in diesem Land zu fühlen. „Ich wünsche mir eine grundsätzlich andere Verteilung von Haben und Sein“, sagt sie. Das Streben nach Reichtum, nach Prestige, das ist und bleibt ihr widerlich. Ihre Gagen teilt sie zu gleichen Teilen unter sich und den Musikern auf und legt sich deswegen auch mit dem Finanzamt an.

Dass Lieder die Welt verändern, das glaube sie nicht mehr, sagt sie, aber die Realitäten einfach unwidersprochen hinzunehmen, fällt ihr auch nicht ein. „Das Missionarische, das ich als Songwriterin habe, das, was manche Leute Ganzkörperherpes kriegen lässt, wenn sie meine Lieder hören, das werde ich einfach nicht los.“ Die Thalheim zuckt die Achseln.

Verglichen mit den linken Liedermachern der Tradition West wie Wader oder Wecker waren ihre Texte stets subversiver, poetischer. Sie macht keinen Agitprop. Früher hat sie öffentlich zur Wahl der Linkspartei aufgerufen, jetzt sagt sie: „Ich lasse mich politisch nicht mehr so eindeutig verorten.“ Mit manchen ihrer Ansichten könne sie auch SPD oder Grüne wählen. Ist das jetzt Altersmilde? Sie lacht. Und sagt: „Stachelig bin ich immer noch.“ Und: „Es ist nicht immer ein Spaß, mit mir befreundet zu sein.“

Schon regt sie sich wieder auf. Sich aufregen ist ja nichts anderes als leben. Für die Barden der alten Bundesrepublik hätten sich die Auftrittsorte nach der Wende einfach um die neuen Bundesländer erweitert, sagt sie. Umgekehrt sei das bis heute nicht eins zu eins gelungen. „Die kannten wir Ostler ja alle, aber die kannten uns nicht.“ Diese Ignoranz hat sie geschmerzt. Inzwischen weiß Thalheim: global gesehen war es so wichtig nicht, ihr erstes Land, das Kinderland. „Die Distanz hat Abstand gebracht.“ Ihre Zeit in Paris, wo sie in den Neunzigern gelebt hat, ihre Reisen nach Afrika und Südamerika.

Warum ihr Album „Zwischenspiel“ heißt? „Weil ich mir die Option aufhalten will, dass noch was kommt.“ Ihr für den Herbst geplantes neues Programm zum Thema demografischer Wandel etwa. Die Songs komponiert die Mutter zweier Töchter gemeinsam mit ihren drei Musikern, die altersmäßig ihre Söhne sein könnten. „Eine völlig neue Arbeitsweise für mich nach 40 Bühnenjahren, sonst hat Jean Pacalet meine Gitarrenkompositionen für Orchester oder Band arrangiert.“ Der pure, improvisiertere, teils groovende Sound, der so entsteht, tut ihren mit rauer Stimme vorgetragenen Liedern gut.

Woran erkennt man eine Künstlerin mit Charakter? Daran, dass sie sich in einem repressiven System widerständig, aber auch willfährig gezeigt hat? Daran, dass viel über sie zu lesen steht? Dass sie über lange Zeit auf der Bühne besteht? Auch. Oder daran, dass sie den Mut zum Verzweifeln und Neuanfangen findet. Dass sie Spezialistin im Aufrappeln ist.

Record Release Konzert im Babylon Mitte, 25. Januar, 20 Uhr; „Zwischenspiel“ ist bei Conträr Musik erschienen

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