Kultur : Stadium of the Art

Malte Oberschelp

Immer, wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren ein schlechtes Ergebnis erzielte, wurden die Rufe nach einem ausländischen Bundestrainer laut. Innovationen haben es nicht leicht, in die heimische Fußballkultur Eingang zu finden. Vor diesem Hintergrund ist es umso bemerkenswerter, dass sich beim Münchner Stadionneubau zur Fußballweltmeisterschaft 2006 die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron durchgesetzt haben.

Das Basler Büro Herzog & de Meuron - international bekannt durch das Museum Tate Modern in London - steht architektonisch für eben jenen Traditionsbruch und Stilwechsel, der von wohlmeinenden Fußballfunktionären hierzulande lediglich rhetorisch vollzogen wird. Während der zweite Sieger des Wettbewerbs aus dem Hamburger Büro von Gerkan, Mark und Partner (gmp) ein Stadion vorsah, wie man es aus Stuttgart, Hamburg oder Bremen kennt, haben Herzog & de Meuron ein entschieden modernes Konzept vorgelegt: Ihre Arena ist von einer transparenten Außenhaut aus aufblasbaren Kunststoffkissen umgeben, die einem riesigen Schlauchboot ähnelt und mit der Selbstverständlichkeit eines gerade gelandeten Ufos leuchtet.

Schönheit ist in deutschen Fußballstadien bisher kein Maßstab gewesen. Stattdessen triumphierten in hastig hochgezogenen Stahl-Beton-Konstruktionen die Funktionsansprüche von Ingenieuren. Die zu Saisonbeginn fertig gestellte Arena "Auf Schalke" ist eine Attraktion deshalb, weil man das gesamte Spielfeld ins Freie schieben kann. Als das Hamburger Volksparkstadion zwei Jahre zuvor der "AOL-Arena" wich, machten höchstens die explodierenden Baukosten Schlagzeilen. Beide Stadien entfalten ihre Wirkung erst, sobald man sie betreten hat. Nicht umsonst zeigt der TV-Spot, in dem Schalke-Manager Rudi Assauer für ein Computerspiel wirbt und "Titanic"-Star Leonardo DiCaprio auf dem Rasen des Gelsenkirchener Neubaus einschwebt, die Arena nur von innen. Fußballplätze werden als abgekapselte Sinneinheiten betrachtet, von denen lediglich erwartet wird, als die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Spielfeld zu richten - nach außen bewahren sie die Fassade einer Mehrzweckhalle.

"Bei den meisten deutschen Stadien ist die Architektur völlig auf der Strecke geblieben", hat deshalb Jacques Herzog kritisiert, als vor einem Jahr in Basel der St.-Jakob-Park eröffnet wurde, der erste Stadionbau seines Büros. Die Arena des FC Basel - wenn auch mit 33 000 Plätzen nur halb so groß - wirkt wie ein ästhetischer Vorgriff auf das Münchner Projekt: In Basel sind es rote, rechteckige Plastikschalen, die das Stadion zugleich be- sowie entgrenzen und es zu einem Leuchtkörper machen, der in die Stadtlandschaft hineinstrahlt. Herzog & de Meuron geht es nicht nur darum, vielen Menschen idealen Blick auf einen Sportplatz zu bieten, sondern den Fußball selbst als emotionales Phänomen zu zeigen. Wer das Stadion in Basel durch seine rotglühende Oberfläche betritt, ist fast enttäuscht, dass innen mit grünem Rasen, zwei Toren und vier Eckfahnen alles so aussieht wie gewohnt.

Kritiker mögen einwenden, dass so nur eine poppigere Verpackung erfunden werde, um den Fußball noch hemmungsloser seiner kommerziellen Verwertung zu überantworten. Doch die Entwürfe von Herzog & de Meuron überzeugen, weil sie der gewandelten Rolle des Fußballs ästhetisch Rechnung tragen. "Heute ein Stadion wie die Anfield Road zu bauen: Das wäre pures Disneyland", hat Jacques Herzog gesagt, angesprochen auf das Liverpooler Urbild proletarischer Fußballkultur. Er und sein Partner sind Fans, aber keine Nostalgiker. Sie arbeiten an der Synthese von englischer Publikumsnähe und den Anforderungen des Big Bussiness. "Stadien sind hyperkommerzielle Projekte", hat Herzog begründet, warum im Basler St.-Jakob-Park ein Shopping-Center, Café und Altenheim integriert sind. Die Schweizer Architekten wird nicht stören, dass eine Versicherung sich die Namensrechte am Münchner Stadion gesichert hat. Besser eine ästhetisch überzeugende "Allianz-Arena" als ein Fritz-Walter-Stadion wie aus dem Playmobil-Baukasten.

So wie der Fußball als pures Unterhaltungstheater dramatisiert wird, setzen Herzog & de Meuron ihre Spielstätten in Szene. In Basel erinnert die rote Außenhaut an einen Bühnenvorhang, in München könnte eine Art Christo-Effekt eintreten und noch das leere Bauwerk zum Kunstobjekt machen. Damit bringt das Schweizer Büro eine Stadionkultur nach Deutschland, die sich andernorts bereits eindrucksvoll entwickelt hat: Das Stadio San Nicola in Bari, erbaut von Renzo Piano zur WM 1990, installierte mit seinen orangen Leuchtflächen erstmals ein Stadion als glamourösen Aufmerksamkeits-Magneten.

In eine ähnliche Richtung zielt Norman Fosters Plan für das neue Wembley-Stadion, den Bau durch einen gigantischen Rundbogen in die Londoner Skyline zu integrieren. Ursprünglich sah Fosters Entwurf auch ein Hotel samt Kongresszentrum vor. Doch ist ein heftiger Streit entbrannt, ob die Twin Towers des abgetragenen Traditionsstadions erhalten werden sollen. Die Auseinandersetzung, die in vielem der Debatte um das Münchner Olympiastadion gleicht, zeigt, wie richtig man in der bayerischen Landeshauptstadt daran tat, nach dem Scheitern der Umbaupläne für Günter Behnischs Mehrzweckarena einen Neubau ins Auge zu fassen. Deutschland bekommt auf diese Weise erstmals ein Fußballstadion, das sich auf der Höhe seiner Zeit befindet - ein Stadium of the Art. Selbst wenn darin bei der WM 2006 vielleicht doch nur die Anderen zeitgemäßen Fußball spielen sollten.

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