Kultur : Stadt aus Ton

Eine Berliner Ausstellung ehrt die Avantgarde-Klangkünstlerin Maryanne Amacher.

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Foto: Rene Block, court. BKP/DAAD
Foto: Rene Block, court. BKP/DAAD

Wie die Stadt klingt, hört man in Berlin an jeder Kreuzung. Wie sich die Klänge zu vielschichtigen Kompositionen verdichten, erfährt man im Werk von Maryanne Amacher. Die US-Künstlerin und Komponistin kreierte ab den sechziger Jahren akustische Städteporträts von eigenartiger Schönheit: brummende Häfen, rauschende Straßenpflanzen, ächzende Brückenkonstruktionen, rhythmisches Dröhnen. Amacher holte sich die Sounds ins Studio und mischte sie dort – teils live für vielstündige Radiosendungen.

1986 lud der DAAD die Avantgarde-Künstlerin für ein Jahr als Stipendiatin nach Berlin. Anschließend kehrte sie mehrfach zurück, um Projekte zu realisieren. Nun breitet die DAAD-Galerie in der Ausstellung „Intelligent Life“ das Werk der 2009 Verstorbenen aus, das bis heute vor allem Spezialisten kennen – obwohl sich auch viele junge Künstler auf ihre Arbeit berufen. Amacher hat nach ihrem Studium bei Karlheinz Stockhausen quer durch die Disziplinen gewirkt und mit Künstlern wie Nam June Paik, John Cage oder dem Forscher Marvin Minsky kooperiert, sich aber nie in den Vordergrund gedrängt. Ihre Zeit verbrachte die Künstlerin lieber mit der Erforschung technologischer Innovationen. „City Links: Buffalo“ von 1967 brachte Geräusche von acht Standorten zusammen und basierte auf der damals neuen Standleitung, die Amachers Live-Improvisation erst ermöglichte. Plattenaufnahmen verschmähte sie ebenso wie das Archivieren ihrer Klänge auf CD, die den Kompositionen nicht gerecht wurden.

Die Auseinandersetzung mit physiologischen Phänomenen machten Amacher einerseits klar, wie subjektiv jeder Zuhörer ihre Konzerte wahrnahm und dass es kein identisches Erleben gibt. Dennoch hätte sie gerne die Menge kollektiv vor dem Radio oder dem Fernsehen versammelt, um ihnen Choreografien für minimalistische Geräusche vorzuspielen. Amacher schrieb Skripte für ganze Serien, die nie realisiert wurden.

Anders „City Links“, ihre berühmteste akustische Installation. Zwei Jahrzehnte lang feilte sie an jenem großen, akustischen Experiment, das Städte wie Buffalo, Boston oder New York in komplexe Hörporträts verwandelte. Die Geräusche wurden gemischt, verzerrt und immer wieder neu verwendet. Amacher umgab sich in ihrem Atelier mit ihnen und lebte zwischen den urbanen Tonproben.

Umso mehr erstaunt die aktuelle Präsentation in der DAAD-Galerie. Kurator Axel John Wieder hat zahlreiche Dokumente aus dem Nachlass ausgebreitet. Auf einem großen Tisch, der den gesamten ersten Raum ausfüllt, liegen Notizen, Performanceflyer, Interviews aus Magazinen und Drehbücher unter Glas. Bloß Beschallung gibt es nicht. Stattdessen soll man sich auf die von Hand geschriebenen Konzepte aus dem umfangreichen Nachlass konzentrieren. Das funktioniert nach einer Weile tatsächlich, weil sie ästhetisch reizvoll sind und teils an konkrete Poesie erinnern. So werden auch Wieders Absichten klar: Es geht um Werktreue. Um Respekt.

Denn für Maryanne Amacher waren die Aufführungen eng mit den Orten verknüpft. Auf einen Raum mit seinem spezifischen Klang reagierte die Komponistin, indem sie diverse Lautsprecher verteilte und jedes Mal anders arrangierte. Eine akustische Illustration in der Ausstellung wäre deshalb ein Missverständnis. Das Problem der Anschaulichkeit löst „Intelligent Life“ auf andere Weise. Im zweiten Raum mit acht Hörstationen setzt man sich Kopfhörer auf und erlebt Ausschnitte von „City Links“.

Ähnlich konsequent ist die Verknüpfung der Dokumentation mit einem Konzert und einer Filmaufführung in den kommenden Tagen. „Petra“, eine Variation für zwei Pianos von 1991, wird im Hamburger Bahnhof aufgeführt, die knapp einstündige Doppelprojektion „Torse“ mit Musik von Amacher im Kino Arsenal gezeigt. Sie stellt eine Choreografie von Merce Cunningham vor, die an drei Tagen entstand und mit mehreren Kameras aus unterschiedlichen Perspektiven gefilmt wurde. Eine Strategie, die perfekt zu Amachers avantgardistischer Musik passt, die Geräusche so transformiert, dass aus ihnen Klänge werden. Christiane Meixner

Die Ausstellung läuft bis 25.8., Zimmerstr. 90, Mo–Sa 11–18 Uhr. Das Konzert „Petra“ wird am Sa, 18.8., im Hamburger Bahnhof (19 Uhr) aufgeführt. „Torse“läuft am Mi, 22.8., im Arsenal Kino (19.30 Uhr).

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