Kultur : "Stadt der Architektur": Alle zehn Jahre eine neue Stunde Null

Bernhard Schulz

Seit der Schließung der Staatlichen Museen mit Kriegsbeginn 1939 hat sechs Jahrzehnte lang kein Normalbürger das Neue Museum betreten dürfen. Dieser zweite - und darum "neue" - Museumsbau auf der Spreeinsel erlitt die schwersten Kriegsschäden des über ein Jahrhundert gewachsenen Ensembles. Erst die Vereinigung Berlins ebnete den Weg zum Wiederaufbau. Seither sind erneut zehn Jahre vergangen, nun endlich rückt die Wiedernutzung des berühmten Gebäudes in nähere Zukunft.

Dabei gilt es allerdings, die strapazierte Öffentlichkeit über die verstreichende Zeit mit der konkreten Anschauung des Bauwerks hinwegzutrösten. Es kann daher gar nicht genug gelobt werden, dass die Veranstalter der Ausstellung "Stadt der Architektur - Architektur der Stadt. Berlin 1900 - 2000" ausgerechnet den geschundenen Stüler-Bau als Ort gewählt haben. Mehr noch: Die schleppende Behebung der Schäden, die sich in den maroden Sälen des einstigen Prachtmuseums spiegelt, bildet ihrerseits einen der roten Fäden, die diese erfrischend klare Ausstellung von 500 Arbeiten durchziehen. Die Ausstellungsarchitektur rückt die Reste der üppigen Raumdekorationen ins beste Licht: Endlich ist zu sehen, was um die Mitte des 19. Jahrhunderts zur Verdeutlichung und Erhöhung der Sammlungsobjekte an den Wänden "erzählt" wurde.

Die Baugeschichte Berlins fehlte in der "Jahrhundertausstellung", mit der die Staatlichen Museen das Säkulum im vergangenen Herbst ausklingen ließen. Josef Paul Kleihues, Doyen der Berliner Architekten, hat diese Fehlstelle zum Anlass der gestern eröffneten Ausstellung genommen, die er gemeinsam mit seinem Schüler Paul Kahlfeldt verantwortet. Finanzmittel in Höhe von 3,3 Millionen Mark bewilligte die Stiftung Deutsche Klassenlotterie; dazu kamen private Sponsoren. Ein Drittel des Etats ging in die Ausstellungsarchitektur - keine übermäßige Summe, wenn man bedenkt, dass jede Infrastruktur fehlte. In einem Trakt musste gar eine temporäre Klimaanlage eingebaut werden, um kostbare Leihgaben wie Mies van der Rohes Entwurfscollage für ein gläsernes Hochhaus am Bahnhof Friedrichstraße von 1920 zu schützen.

Das großartige Mies-Blatt hängt als Inkunabel in der Sichtachse links vom Eingang. Ihm antwortet als Blickfang rechts der nicht minder anspruchsvolle Entwurf von Ludwig Hilberseimer für eine "Hochhausstadt" von 1924. Hilberseimer sah eine Reihe von Hochhausscheiben gleich neben dem Gendarmenmarkt vor.. Die Moderne des "neuen bauens", die in diesem Teil zu Wort kommt, nahm reinen Gewissens an planvollen Abrissen vorweg, was der folgende Krieg an Zerstörung über die Stadt brachte.

Aber das ist eine gedankliche Verbindung, die die Ausstellung nicht herstellen will. Sie ist - ganz und gar unpolemisch - das vollendete Museum bedeutender Berliner Architektur, einerlei übrigens, ob die Entwürfe Papier geblieben oder gebaut worden sind. Es geht um eine ideale Berliner Baugeschichte und darüber hinaus um die Ideengeschichte der Architektur in ihrem Brennpunkt Berlin. In keiner anderen Stadt lassen sich die neun Abschnitte, in die Kleihues das Architekturjahrhundert gliedert, derart exemplarisch belegen. Die drei, vier Epochen, die die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts gliedern, fanden in der deutschen Hauptstadt weitere Feinteilungen. Die aber waren, wie die Daten 1933 oder 1948 kenntlich machen, einschneidend genug.

Jedes Mal sollte die Stadt neu gebaut werden. Es spiegelt den Radikalismus, der als unheimliche Grundtendenz des 20. Jahrhunderts erkennbar wird, dass die Architektur immer wieder tabula rasa machen wollte. Schon die Kaiserzeit gab sich reformerisch, als der Wohnungsbau Gegenmodelle zu den unhygienischen Mietskasernen entwickelte. Aber die definitive Beseitigung der Mietskasernenstadt war erst das Ziel der Zwischenkriegszeit. Gewiss brachte das "neue bauen" die beispielhaftesten Reformen zu Stande, indem es mit den Großsiedlungen humanes Wohnen für eine breite Bevölkerung verwirklichte. Aber das Ziel, mit neuen Bauten auch den neuen Menschen zu formen, blieb virulent.

Offen totalitär gebärdete sich dann das "Dritte Reich". Auch hier hat die Ausstellung, wie in allen Kapiteln, kein grundstürzend neues Material zu bieten. Ihre Stärke liegt darin, bereits bekannte Dokumente in einem großen Bogen zusammenzuführen. So erinnert man sich der Übersicht des Landesarchivs "Von Berlin nach Germania", die die hypertrophen Pläne Speers dokumentierte, unter anderem mit dem jetzt erneut gezeigten Plan der "Großen Achse". Dieser Planung fielen große Teile des noblen Tiergartenviertels zum Opfer, ehe der Bombenkrieg das begonnene Zerstörungwerk potenzierte.

Aber seltsam, erneut waren die Planer nicht wirklich unglücklich. Im Obergeschoss des Neuen Museums setzt die Ausstellung mit den - Zeichnung gebliebenen - Plänen der Nachkriegszeit ein, die Stadt aufzulockern, zu durchgrünen, eine neuartige "Stadtlandschaft" (Scharoun) zu schaffen: ein kurzes Gesamtberliner Intermezzo vor der Teilung der Stadt. Seit Anfang der fünfziger Jahre wird sie in Stein und Beton, in Stuck und Stahl befestigt: hie Stalinallee, die eine "nationale Tradition" im sowjetischen Magistralenmaßstab usurpiert, da Hansaviertel, das die Stadtgeschichte zu Gunsten des Internationalismus der Zeilenbauten und Punkthochhäuser vergisst.

In bemühter Ausgewogenheit haben die Kuratoren Ost und West einander gegenübergestellt. Kleihues will nicht von Gleichwertigkeit sprechen, wohl aber von Gleichgewichtigkeit. Und er fügt die bedenkenswerte Beobachtung hinzu, dass "die architektonischen Gegensätze heute viel ausgeprägter sind als früher". Die Parallelen im Großsiedlungsbau der siebziger Jahre, zwischen Marzahn und Märkischem Viertel, und später in der zaghaften Rückbesinnung auf die historische Stadt in IBA-Alt und Nicolaiviertel belegen das.

Gewiss mindert die Vertrautheit mit den Bauten der Nachkriegszeit den Reiz der zugehörigen Entwürfe und Modelle. Doch auch hier sind Entdeckungen zu machen, ob es sich um die Massivholzform handelt, mit der Le Corbusier seine Maßstabsfigur des "Modulor" in die Betonfassade des Berliner Wohnblocks hineinformen ließ, oder um einen Musterkoffer der DDR-Industrie, der den Planern der Trabantenstädte die Farb- und Fassadenvarianten des Plattensystems "WBS 70" zeigen sollte.

Die Stärke der Ausstellung liegt in der strikten Beschränkung aufs Original. Endlich einmal keine Simulationen, kein Hokuspokus wie bei der Architekturbiennale von Venedig, sondern Zeichnungen, Modelle, dazu sparsam ausgewählte Fotografien und immer wieder Skizzen, in denen das Genie des Architekten aufblitzt oder einfach nur seine Handschrift sichtbar wird. Um kontroverse Meinungsäußerung hingegen macht die Ausstellung einen Bogen. Symbolisch wirkt das einträchtige Nebeneinander der großen Modelle von Philharmonie und Neuer Nationalgalerie - als freundschaftliche Nachbarn, die sie realiter trotz räumlicher Nähe nicht sind. Je näher die Ausstellung an die Gegenwart heranreicht, desto sorgsamer ist sie um Ausgewogenheit bemüht, bis hin zum Schlussraum mit zehn höchst unterschiedlichen Positionen der Gegenwart, wo es augenscheinlich mehr um die Namen ging als um den Rang der Entwürfe.

Aber das ist ein lässlicher Einwand. Die Chance zum Erlebnis der Originale und zur Rückbesinnung auf das, was Architektur sein kann, ist hoch genug. Was Kleihues in Stülers Neuem Museum versammelt hat, ist ein Vorgriff auf das Architekturmuseum, das Berlin fehlt. Der Großteil der ausgestellten Werke kommt aus öffentlichen Berliner Sammlungen. An deren Eigentum will niemand rühren. Es bedarf nur eines Hauses zur dauernden Präsentation. Unweit der Museumsinsel stand Schinkels 1961 abgerissene, aber ohne weiteres rekonstruierbare Bauakademie. Sie wäre als Vorbildbau der Moderne das angemessene Gehäuse. Berlin braucht den Impuls nur noch aufzunehmen, den die jetzige Ausstellung aussendet.

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