Kultur : Stadt der Gegensätze

In Los Angeles sind die Kontraste schärfer, und das liegt nicht nur am kraftvollen Westküsten-Licht: Sonnendurchflutete Palmenboulevards mit scharf geschnittenem Rasen, drei smarte Schwarze, die nach der Kirche mit Schlips und Krawatte vor einem Wandbild mit Hollywood-Ikonen posieren. Gleich neben solch arglosen Sonntagsimpressionen das "Wohnzimmer" Obdachloser unter einer Autobahnbrücke, Kinder, die über Mülltonnen turnen, eine nächtliche Straßenschlucht, in deren fahl beleuchtete Szenerie gerade der "Mitternachts-Greyhound" einbiegt. Es sind Bilder aus der Ausstellung "People show their city" in der Berliner Akademie der Künste (Hanseatenweg 10, bis 10. Juni). Den Aufnahmen von zwölf Fotografen aus Los Angeles sind die Berlin-Bilder von Herbert Bents und Lisa Lorenz gegenübergestellt. Auch Berlin hat nicht nur Schokoladenseiten, aber die Übergänge zwischen schön und häßlich, Freud und Leid scheinen ungleich fließender als in der kalifornischen Mega-City. Leider ging das dialogische Konzept der Schau nicht auf: Während die amerikanischen Fotografen sehr persönliche und gerade deshalb starke Eindrücke von Los Angeles und seinen Menschen festhalten konnten, ist es bei den Berliner Aufnahmen Zufall, wenn Menschen im Bild sind. Mit der Aufforderung "Nennen Sie uns drei für Sie wichtige Orte der Stadt" hatten sich die Fotografen an Berliner gewandt und daraufhin die angegebenen Orte aufgenommen. Auch wenn die Bilder also nur einem "stellvertretenden Blick" entspringen, braucht am Ende keine leblose Bestandsaufnahme ohne jede Bewegung herauszukommen. Das Kranzler-Eck mit Baukränen, der Gendarmenmarkt aus der Luft, die Komische Oper von innen, der Funkturm von unten - aus vielen handwerklich einwandfreien Fotos wird noch kein Stadtportrait, wenn es bei eingefrorenen Abbildern der dinglichen Stadt bleibt. frj

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 10. Juni

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