Kultur : Stadt der Masken

Vor der Kunst-Biennale: Zwei Ausstellungen in Frankfurt am Main erkunden Venedigs Plätze und Fassaden

Christian Huther

Alltagsarchitektur kommt nur selten in Museen vor. Eine Ausnahme macht derzeit das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main und widmet sich den Campi Venedigs, den weniger repräsentativen Kirchplätzen der Lagunenstadt abseits des Markusplatzes. An diese Plätze erinnert sich wohl jeder, der schon einmal durch die Stadt gestreift ist. Entstanden sind die Campi eher durch Zufall als durch ausdrückliche Planung. Man bebaute die Inseln der Lagune vom Rand her, während die Mitten für Felder und Zisterne frei blieben. Später wurden in diese kleinen Zentren Kirchen gebaut.

Von diesen rund 100 venezianischen Campi wählten zwei Karlsruher Architekten und Hochschullehrer 16 typische Beispiele aus und legten ihre Forschungsergebnisse vor einem Jahr als Buch vor. Jetzt wird das Ganze auf Lesetischen mit Modellen, Zeichnungen und Fotos sehr puristisch präsentiert. Allerdings gingen Alban Janson und Thorsten Bürklin nicht historisch, sondern „phänomenologisch“ vor. Nicht jeder Venedigfan kann aber etwas mit der Sprache der Phänomenologie anfangen und wird über Begriffe wie „Im-Raum-Sein“, „HierSein“ und „Dort-Sein“ stolpern.

Zuweilen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Architekten beim Umherflanieren in Venedig zu sehr ins Philosophieren kamen. Nicht immer ist erhellend, was sie von sich geben, etwa wemm sie über den Kirchturm auf dem Campo Santi Apostoli schreiben: „Eine typische Erfahrung ist ... die Teilhabe an einem Richtungsstreit, in der die Vertikalität dieses aufgerichteten Feldzeichens den Standpunkt markiert.“ Der philosophisch weniger beschlagene Besucher sollte diese Texte also getrost überfliegen, um die eigentlichen Untersuchungen zu studieren. Tatsächlich haben Janson und Bürklin die Stadträume klug analysiert, etwa den Campo Santa Maria Formosa unterteilt in einen großen leeren Raum mit vielen flächigen Häuserfassaden und einen zweiten Raum mit dem ausgeprägt plastischen Baukörper der Kirche.

Allerdings ist kaum nachvollziehbar, weshalb das philosophische Unternehmen den Weg vom Buch zur Ausstellung unverändert genommen hat. Was in gebundener Form bei genügend Ausdauer nachvollziehbar sein mag, wird für den Museumsbesucher in zwangsläufig gebückter Haltung vor den niedrigen Lesetischen zur Qual. Nach kleineren Präsentationen in Karlsruhe und Venedig hätte die Schau einer dringenden Überarbeitung bedurft. Die Chance wurde vertan, ein schönes Thema verschenkt.

Ein lyrisches Kontrastprogramm zu diesen Stadterkundungen bietet der Berliner Gerhard Ullmann, der sich seit 25 Jahren fotografisch mit Venedig auseinandersetzt. Knapp 50 Farbbilder zeigen sein Interesse am verdichteten Alltag, von Stadtansichten im Winter über das Wasser als Gegenpol der Architektur bis zu reizvollen Details an den Repräsentationsbauten rund um den Markusplatz. So wird einmal mehr deutlich, dass sich die Stadt der Masken auch bei ihren Häuserfassaden gern von der prunkvoll-theatralischen Seite zeigt.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt/Main, beide Ausstellungen bis 3. August. Campi-Katalog 64 € (Birkhäuser Verlag), Ullmann-Katalog (Edition Menges) 36 €.

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