Kultur : Stadt der Sammler

Im Bunker: Mit Eröffnung der Sammlung Boros hat in Berlin eine neue Ära für die Kunst begonnen

Nicola Kuhn

In der Medienwelt nennt man es einen Scoop, wenn das lancierte Neue sofort in aller Munde ist. Einen Scoop der besonderen Art hat der Kunstsammler Christian Boros gelandet. Kein Wunder, in seinem Brotberuf leitet er eine der erfolgreichsten Werbeagenturen der Bundesrepublik. Sein Scoop misst 38 Meter im Quadrat bei einer Höhe von 16 Metern: ein Monsterding aus Beton, das seit 1942 in der Reinhardtstraße in Mitte steht, ein Weltkriegsbunker. Der 42-jährige Werbemann aus Wuppertal und seine Frau Karen Lohmann haben ihn mit Kunst gefüllt und dadurch die Sammlerstadt Berlin in eine neue Kategorie katapultiert.

Zunächst ist es der Ort, ein Unort eigentlich. Nach wandelnder Funktion als Luftschutzbunker, nach dem Krieg als Gefängnis der Roten Armee, als Südfrüchtespeicher der DDR und seit dem Mauerfall als Location für obskure Partys ist nun die Kunst darin untergebracht. Die vorläufig letzte Definition für den grauen Denkmalklotz ist die eines Privatmuseums. In dieser Woche hat ihn Boros nun öffentlich präsentiert, nachdem er fünf Jahre lang im Kolossinneren umbauen und Mauern brechen ließ.

Das Ergebnis ist spektakulär, atemberaubend. Hier hat jemand nicht nur eine exquisite Sammlung der Kunst der neunziger und nuller Jahre zusammengetragen. Er zeigt sie auch in einer Form, die Berlins Museen dagegen alt aussehen lässt. Jahrelang haben sich Galeristen und Künstler immer wieder beschwert, dass die aufregende aktuelle Szene fast spurlos an den Institutionen vorübergeht, dass sich deren internationale Bedeutung kaum in Ausstellungen, schon gar nicht in Ankäufen niederschlägt. Erst in dieser Woche hat Olafur Eliasson, Weltstar mit Atelier in Berlin, in einem Interview darüber geklagt, „die Museen suchen nicht einmal den Kontakt“.

Wo stattdessen die Verbindung funktioniert, zeigt die Erstpräsentation der Sammlung Boros geradezu schmerzhaft-schön. Hier sind Raum für Raum Werke zu sehen, die jüngere Berliner Kunstgeschichte schrieben – von Eliasson selbst, Elmgreen & Dragsted, Santiago Sierra, Daniel Pflumm und vielen anderen. Fassungslosigkeit und Erleichterung machen sich breit, denn durch Boros’ Bunker-Museum, das ab Mai an den Wochenenden besucht werden kann, sind sie der Öffentlichkeit glücklicherweise doch nicht verloren gegangen. Als Privatsammler sprang er ein, wo den Institutionen die Mittel zum Ankauf fehlen.

Doch geschieht dies in einer völlig neuen Dimension: Gingen einst die Museen mit den zeitgenössischen Sammlern Hand in Hand, hat sich das Verhältnis in den letzten Jahren radikal geändert. Die einst idealisierte Partnerschaft verwandelte sich in ihr Gegenteil. Fühlten sich die Sammler mal nicht genügend wertgeschätzt, wie unlängst Erich Marx in Berlin, oder zogen sie sogar komplett ihre Schätze ab, wie Dieter Bock in Frankfurt am Main, so stand umgekehrt der Vorwurf der Ausnutzung öffentlicher Institutionen im Raum, die Zweckentfremdung des Museums zur Wertsteigerung von Privatbesitz. Die Konsequenz daraus: Die Sammler schaffen sich ihre eigenen Ausstellungsorte, die Museen als Stätte der Sanktionierung ihres Geschmacks undbestimmter künstlerischer Positionen werden ohnehin nicht mehr gebraucht. Vom Markt sind sie durch Mangel an finanziellen Mitteln sowieso abgekoppelt.

In Berlin verlief diese Entwicklung in den letzten Jahren Schlag auf Schlag. Mit jedem Sammler, der aus dem Rheinland im Gefolge der Künstler und schließlich Galeristen kam, schien ein neuer, noch glamouröserer privater showroom hinzu- zuwachsen. Den Anfang machte das Ehepaar Hoffmann aus Köln, das nach der gescheiterte Kunsthalle in Dresden, in die Sophie-Gips-Höfe das Flair amerikanischer Sammlerkultur einführte. Am Wochenende präsentierten sie dort ihre auf zwei Etagen untergebrachte Sammlung. Im vergangenen Jahr eröffnete Axel Haubrok aus Düsseldorf am Strausberger Platz in einem Henselmann-Turm eine halbe Etage, wo er in wechselnden Ausstellungen seine Schätze zeigt, gegenwärtig Videos von Heimo Zobernig.

Der Aachener Sammler Wilhelm Schürmann war eine Zeit lang in ehemaligen Galerieräumen gegenüber der Volksbühne präsent. Nun plant für ihn der Londoner Architekt David Adjaye ein Wohnhaus mit Raum für wechselnde Ausstellungen in Mitte. Der Neubau des Essener Arztes und Großsammlers Thomas Olbricht gleich neben den Kunst-Werken in der Auguststraße steht dagegen schon fast. All diese Neubauten müssen sich allerdings mit Heiner Bastians Galeriehaus von David Chipperfield am Kupfergraben messen lassen, das via-à-vis von der Museumsinsel auch weiterhin die feinste Adresse der Stadt bleiben wird. Nach Damien Hirst eröffnet er zum Gallery-Weekend am 2. Mai mit Anselm Kiefer seine nächste Ausstellung.

Die Vielfalt, die durch die Sammler in der Stadt Einzug hält, ist phänomenal. Sie bedeutet ein großes Glück, auch für die Museen, denn sie bereichert die Kunstlandschaft insgesamt. Gleichwohl besteht bei ihnen anders als bei den staatlichen Häusern die Gefahr, dass die Schätze unversehens der Öffentlichkeit wieder entzogen sind. Ihre Besitzer müssen schließlich nur sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen. Noch gibt es sie, die Sammler, die mit den Berliner Museen kooperieren: Unlängst machte Friedrich Christian Flick dem Hamburger Bahnhof eine große Schenkung, der junge Berggruen engagiert sich beim Erweiterungsbau für das Museum seines Vaters, und zeitgleich zur Bunker-Eröffnung präsentierte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Baustelle der Sammlung Scharf-Gerstenberg. Sie wird Anfang Juli mit ihren Werken surrealistischer Kunst in das ehemalige Ägyptische Museum in Charlottenburg einziehen. Zunächst aber gehört Boros und seinem Bunker die Schau. Er ist jetzt König in der Stadt der Sammler.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben