Kultur : "Stadt schafft Landschaft": Parkluft macht high

Michael Zajonz

Die Potsdamer haben keine Probleme mit der kommerziellen Inbesitznahme städtischer Räume. "Käse Maik" und "Bananen Rudi" heißen die ambulanten Glücksbringer, die am Rand des wieder hergestellten Lustgartens ihre Zelte aufgeschlagen haben. Mit improvisierten Mitteln stellen sie nach, was den Reisenden am Hauptbahnhof ohnehin erwartet: eine ungelenke Melange aus Entertainment und Sonderangeboten, die glitzernde Shopping mall sein möchte, doch Posemuckel nur knapp verfehlt.

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Die Bundesgartenschau in Potsdam Von Einkauf oder Anreise erholen kann man sich seit diesem Sommer auch in den neuen Parks und Stadtplätzen, für die im Rahmen der Bundesgartenschau 311 Millionen Mark ausgegeben worden sind. Man mag darüber streiten, ob Potsdams historisches, inzwischen penibel in Stand gesetztes Grün nicht ausgereicht hätte. Eine vergangenheitsselige Veranstaltung ist die Buga jedenfalls nicht. Namhafte deutsche und niederländische Landschaftsplaner erhielten Aufträge, die wie die Neufassung des Wilhelmplatzes durch den Hamburger Hinnerk Wehberg bei aller Zurückhaltung so manchem Lenné-Jünger zu schaffen machen.

Eine internationale Tagung unter dem Motto "Stadt schafft Landschaft" holte nun Stadt-, Landschafts- und Gartenplaner in diese Stadt, die durch Landschaft erst zum Ganzen wurde. In drei Sektionen widmete man sich der Zukunft des öffentlichen Raumes, der urbanen und ländlichen Kulturlandschaft sowie der Entwicklung vom Volks- zum Themenpark. All dies sind Buga-Themen. Doch Potsdam und das Land Brandenburg wurden da bestenfalls als Kulisse wahrgenommen, wie Volker Härtig, Geschäftsführer des gastgebenden "Entwicklungsträger Bornstedter Feld", enttäuscht anmerkte.

Einkaufen und Spaß haben sind gängige Leitbilder urbaner Lebensweise, zugleich Teil unserer Selbstinszenierung im öffentlichen Raum. Andererseits haben wir uns daran gewöhnt, inmitten dichtesten Trubels die Möglichkeit zu Rückzug und Kontemplation unter freiem Himmel und im Grünen zu besitzen. Die historische Stadt europäischen Zuschnitts erfand dafür Parks, Grünanlagen und Stadtplätze - noch immer Orte allgemeiner Akzeptanz in öffentlicher Obhut. Doch wie lange noch, bei leeren Kassen, separierten Lebensstilen und - in Ostdeutschland sollen allein 400 000 Wohnungen abgerissen werden - schrumpfenden Städten?

Abschied von planerischen Leitbildern, so ließen sich die Diskussionen in Potsdam zusammenfassen. Große Konzepte wie das der dicht bebauten europäischen Stadt - in Berlin gerade erst durch das "Planwerk Innenstadt" zementiert - oder das der sogenannten Zwischenstadt als Reaktion auf die Bedrohung eines urban sprawl scheinen der neuen Bescheidenheit im Städtebau nicht mehr zu entsprechen. Das Bild der Stadt ist brüchig, ihre Zukunft erscheint modisch virtuell. So konstatierte der Stadtsoziologe Walter Siebel (Oldenburg), dass zeitgenössische urbane Lebensformen nicht mehr an traditionelle städtische Strukturen gebunden sind. Soziale Dichte, also die Häufigkeit und Intensität zwischenmenschlicher Kontakte, stellt sich zunehmend an temporären Orten her. Dass damit nicht nur das Internet angesprochen ist, verdeutlichte der Landschaftsplaner Christophe Girot (Zürich), der die Love Parade oder Umzüge mit Rollerskates als "nomadische Parks" klassifizierte. Damit die allzeit bereite Freifläche nicht zum Park oder Platz ohne Eigenschaften verkommt, wird sie - so prognostizierte Walter Prigge (Dessau) - künftig mit events besetzt sein müssen. Das Centro Oberhausen lässt grüßen.

Mit Ästhetik wurde nur unterschwellig argumentiert, auch wenn sich Prigge über Hans Kollhoff und Rem Koolhaas ausließ. Es waren die einfachen Fragen, die unbeantwortet blieben. Wenn der öffentliche Raum der Zukunft nur atmosphärisch aufgeladen denkbar ist, dann müsste seine Gestaltung eine überragende Rolle spielen. Aber wie dauerhaft soll sie sein und wie stark muss sie das vorgefundene Alte respektieren? Wird der Planer, so fragte der Kritiker Hanno Rauterberg (Hamburg), künftig zum Szenograph, der mit Emotionen jongliert?

Den Bilder in den Köpfen kann auch die Realität der Agrarwende, die Renate Kühnasts Staatssekretär Martin Wille als naiven Traum von glücklichen Hühnern und Bauern hingetuscht hatte, nicht entsprechen. Denn ökologischer Landbau ist auf seiner ästhetischen Ebene von konventioneller Landwirtschaft oft kaum zu unterscheiden. Funktion und symbolische Form - ein Urthema von Gestaltung, auf dem platten Land bislang ungelöst. Da lohnte ein Blick in Nachbars Gärten. Die Niederlande sind jungen Landschaftsplanern derzeit das, was den Architekten die Schweiz bedeutet: das Land, wo die Ideen blühen. Koolhaas, MVRDV, in Deutschland mit ihrem Expo-Pavillon bekannt geworden, oder West 8 heißen die neuen Götter, die zeigen, wie spektakuläre Entwürfe trotz komplexer Rahmenbedingungen entstehen können.

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