Stadtflucht : Früher fuhr ich einen Volvo

Ein Buch porträtiert Berliner, die ins Umland zogen. Oft endet der Traum vom Häuschen im Grünen in der Enttäuschung.

Andreas Schäfer

Irgendwann stellte man also erstaunt fest: Gespräche mit Freunden und Bekannten drehen sich immer mehr um das Thema „Haus“. Bei ganz normalen Abendessen kann man plötzlich Sätze wie diese hören: „Der X ist mit seiner Freundin in ein Townhouse gezogen.“ Oder: „Wir reißen in unserer Datsche im Spreewald den Boden raus.“ Oder: „Fünfzehn Holzbungalows. Haben wir ersteigert, Architekten, Künstler, Journalisten aus Mitte. War früher eine DDR-Ferienanlage.“

Und man selbst fragt nicht etwa: „Entschuldigung, wovon redet ihr überhaupt?“ Sondern erzählt von einem spottbilligen, heruntergekommenen Herrenhaus in der Prignitz, das man sich mit Freunden angeguckt habe. Leider sei einem bei der zweiten Ortsdurchfahrt ein winziges Hakenkreuz im O des Ortsnamens ins Auge gefallen, weshalb man von dem Objekt Abstand genommen habe.

Was ist denn hier passiert? So hat man doch früher nicht geredet. Früher hat man doch nur über Filme und Bücher gesprochen. Aber wahrscheinlich ist der Mensch doch nicht so individuell, wie er es gern hätte. Erst haben alle Kinder bekommen, dann haben sich alle ein Auto gekauft, und nun erwirbt man Häuser. Oder träumt und redet zumindest davon. Der Berliner Autor Michael Rutschky hätte für das Auftreten dieser Haus-Fantasie in einer bestimmten Lebensphase wohl eine amüsante Theorie parat. In seinem vor zehn Jahren veröffentlichten Buch „Lebensromane“ zitiert er das Postulat des Frühromantikers Novalis: „Das Leben soll kein uns gegebener, sondern ein von uns selbst gemachter Roman sein.“ Der Unternehmer erzählt zum Beispiel gern, dass er eigentlich einen Roman schreiben möchte. Nach dem gleichen Muster lässt sich vielleicht erklären, warum junge Väter, die mit ihren Kindern auf überfüllten Spielplätzen in Prenzlauer Berg sitzen, vom Haus im Grünen träumen. Ein Haus ist die Stein gewordene Vorstellung des Eigenen und gibt uns den Glauben zurück, Autor des eigenen Lebens zu sein.

Neulich war es wieder so weit. In einer Schöneberger Altbauwohnung lauschte eine kleine Gruppe andächtig den Erzählungen einer Dame, die für den Preis eines Gebrauchtwagens ein Haus mit Scheune und riesigem Grundstück sehr weit vor den Toren Berlins erworben hatte. Sie schwärmte davon, dass sie auf dem Ofen ihren Espresso kochen könne. Sie beschrieb, wie sie morgens Fenster und Türen aufreiße, um zu lüften, was ihr vorkäme, „als würde das Haus atmen“. Sie sagte: „Man sorgt sich richtig um das Haus. Wie um ein Lebewesen.“ Danach herrschte andächtiges Schweigen. „Und Internet?“, fragte ein Ketzer. „Internet? Deutschlandfunk muss reichen.“

Nun. Für uns Haus-Fantasten, Immoscout-Junkies, Besichtigungsfanatiker und zögernde Kaffeehausphilosophen ist jetzt ein wunderbares Buch erschienen. Es heißt „Die Zugezogenen“ und stellt auf Fotos und in Interviews „Neusiedler in der Uckermark“ vor, handelt also von Abenteurern, die ihren Traum vom Haus im Grünen in die Tat umgesetzt haben. „Raumpioniere“ werden diese Menschen in einem Essay von Wolfgang Kil benannt. Denn während immer mehr Menschen aus der strukturschwachen und dünnbesiedelten Region im Norden Brandenburgs mangels Arbeit und Perspektiven abwandern; während immer mehr Schulen, Postämter und Geschäfte schließen und die Bevölkerung immer älter wird, haben diese Raumpioniere sich umgekehrt von der Stadt in die Leere der hügeligen Landschaft aufgemacht. Um ihr Glück zu finden. Um neue Strukturen und Netzwerke zu etablieren – oder nach einigen Jahren zermürbt in die Stadt zurückzukehren.

Es sind Künstler, Handwerker, Landschaftsgärtner, Architekten, junge Familien, Unternehmensberaterinnen, Bioaktivisten, Lebenskünstler und erstaunlich wenige Althippies, die der Fotograf Roland Köhler meistens vor ihren erworbenen, um- oder neugebauten Häusern fotografiert und zu ihren Erfahrungen befragt hat. Und diese Erfahrungen sind sehr zwiespältig. So ausgiebig von der Ruhe, dem langsamen Lebensrhythmus und der herrlichen Hügellandschaft geschwärmt wird, so deutlich wird auch, dass die Alteingesessenen den Zugezogenen nicht feindlich, aber doch reserviert begegnen. Wie in Wallmow zum Beispiel, einer Hochburg der Neusiedler, in der Andreas Sackmann und Sabine Grünberg, die in den Neunzigern noch in Prenzlauer Berg lebten, eine Gaststätte führen. Obwohl inzwischen über 200 Menschen zugezogen sind und es eine Freie Schule und einen Kindergarten gibt, hält sich der Kontakt zu den Ureinwohnern in Grenzen.

Künstler machen Kunst, Handwerker gehen ihrem Handwerk nach – doch wovon leben die anderen? Sie errichten Windkrafträder, arbeiten in der Altenpflege, schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch, tingeln als Puppenspieler über die Dörfer oder beziehen Hartz IV. Einem Zwillingspaar hat das Leben in der Leere alles andere als gutgetan. Man sieht sie auf einem Treppenabsatz vor eine Backsteinmauer, die schlechte Laune tief ins Gesicht geschrieben. Die Agrar-Ingenieurin Bettina M. ist arbeitslos. „Ich habe keine Idee, und das ist mein Problem.“ Eine junge Familie sitzt mit tapferem Lächeln vor einer Ruine, in deren Fensteröffnungen Folien flattern. Im dazugehörigen Text steht, dass sie schon Jahre mit dem Ausbau beschäftigt ist.

Doch auch wenn das Finanzielle kein Problem ist, Desillusionierung gehört zum Projekt Freiheit dazu. Und keine Geschichte erzählt so viel über Hochmut und die gelernte Demut des vom tollen Haus träumenden Städters wie die von Bernd Walter, einem „Humoristen, Unterhaltungskünstler und Schlagersänger“. „Ich bin Volvo gefahren, hatte schöne edle Sachen, konnte über mich gar nicht lachen.“ Das fiel dann in der Uckermark von ihm ab. Zum 40. Geburtstag kaufte er sich ein Herrenhaus, in dem ausgewählte Veranstaltungen stattfinden sollten. Das Haus sollte so wirken, als sei die Zeit stehen geblieben und der Gutsherr mal eben weg.

Doch das Konzept ging nicht auf. „Da gab es Verhältnisse und Traditionen, die sich nicht ändern ließen.“ Heute sagt er, nachdem das Haus längst wieder verkauft ist: „Man muss zusammen mit dem Dorf und seinen Menschen Konzepte entwickeln, die ein solches Haus tragen.“ Ohne das Fremde wird es mit dem Eigenen ziemlich schwierig.

Roland Köhler: Die Zugezogenen. Neusiedler in der Uckermark. Multikulturelles Centrum Templin, 117 S., 18 €.

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