Stadtführer "Berlin - Die Schönheit des Alltäglichen" : Immer gleich, immer neu

Poppig, grafisch oder auch ordentlich: Der Stadtführer "Berlin - Die Schönheit des Alltäglichen" und eine Ausstellung entdecken die Faszination des Seriellen in der Hauptstadt.

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Poppig. Der Eingang des U-Bahnhofs Fehrbelliner Platz atmet den Geist der Siebziger.
Poppig. Der Eingang des U-Bahnhofs Fehrbelliner Platz atmet den Geist der Siebziger.Foto: Nadine Blanke

Der erste Sommersonntag, noch im April. Durch die weit geöffneten Fensterflügel des Berliner Zimmers strömt müßig der Nachmittag. Nur ein kleines Geviert Himmel ist zu sehen. Wölkchen im Anschnitt, Krähe auf der Antenne. Das Dach des Nachbarhauses ist mit Flechten bewachsen, sie gleichen Seepocken auf einem Schiffsrumpf. Ein Nachbar telefoniert. Die Schaukel quietscht. Kinder spielen Fangen. Sie lachen, streiten, Mama geht dazwischen. Schimpfe, Widerworte, dann ist Ruhe. Die Schaukel quietscht. Bockiges Kinderschweigen steigt bis in den vierten Stock hinauf. Ein Radio dudelt. Zwei Frauen gackern. Da draußen muss ein Schwimmbad sein – und ist doch nichts als Hinterhof.

Ein Hof, der atmet, wie der Berliner Stadtplaner und Architekturkritiker Frank Peter Jäger die ureigene Melodie des Mietshauses treffend beschreibt. „Die ganze Stadt war wie nach außen gestülpt.“ Die Hofgeräusche sind individuelle akustische Miniaturen, ein „Ausschnitt aus dem Grundrauschen der Stadt“ und als solche ein unendlich wiederholtes Muster, das trotzdem seine individuellen Ausprägungen hat. Sie sind ein Charakteristikum des Berliner Mietshauses, dem „Plattenbau des 19. Jahrhunderts“. Auch architektonisch erkennt Jäger an dem wegen seiner Uniformität viel geschmähten Typenbau der Gründerzeit einen großen Variantenreichtum der Details.

Der trotz des etwas banalen Titels „Berlin – Die Schönheit des Alltäglichen“ wirklich originelle Stadtführer beschäftigt sich genau damit. Mit der Alltagsästhetik, der Schönheit des Seriellen, den immateriellen Zwischenräumen zwischen den Gebäuden – kurz den als selbstverständlich empfundenen, kaum beachteteten Strukturen der Stadt. Flankiert wird das Buch von einer Ausstellung einiger darin abgebildeter Aufnahmen von Nadine Blanke, Carsten Horn, Thilo Mokros und Alexander Nicolussi in der Galerie der Neuen Schule für Fotografie.

Keine andere Stadt ist so sehr Landschaft wie Berlin

„Es gibt kaum eine Stadt, die so sehr Landschaft wäre wie Berlin“, sagt Frank Peter Jäger im Gespräch. Wobei er Landschaft als „zweite Natur“ versteht, die ihre Gestalt erst durch die Überlagerung der ursprünglichen Topografie und Vegetation mit den Schichten der Zivilisation angenommen hat, also den Häusern, Straßen, Volksparks, Gleisen, Brücken, Kanälen, Stadtmöbeln. Sie prägen das Gesicht der Stadt ungleich mehr als das, was sonst in Reiseführern steht. Nicht die repräsentativen Bauten des Regierungsviertels, sondern die Mietshäuser, die Beschaffenheit der Straßen, die Straßenlaternen, die blau leuchtenden U-Bahn-Eingänge oder die Backsteinbauten eines Ludwig Hoffmann, der zwar auch das Märkische Museum baute, aber vor allem mit 70 Schulen in der Stadt vertreten ist. Sie machen Berlin aus.

Urbane Textur von Berlin
Poppig. Der Eingang des U-Bahnhofs Fehrbelliner Platz ist ein West-Berliner Statement der modernen Siebziger.Weitere Bilder anzeigen
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03.04.2017 16:34Poppig. Der Eingang des U-Bahnhofs Fehrbelliner Platz ist ein West-Berliner Statement der modernen Siebziger.

Ein Berlin übrigens, das entgegen einer weit verbreiteten Meinung keine hässliche Stadt ist, sondern eine, die sich in ihrer Rauheit und den durch Krieg, Mauerbau und Sanierungsfreveln begründeten Brüchen klassischen Schönheitsvorstellungen widersetzt. Berlin sei ein „Geschöpf des Zufalls“, zitiert Jäger Siegfried Kracauer, „unbekümmert um sein Gesicht“. Was jedoch kein Blankoscheck für die Stadtplaner von heute sein soll. Jäger fordert Sorgfalt im Umgang mit der Gestaltung der öffentlichen und halb öffentlichen Räume. Deren klare Formen, Ausstattung und Materialien schaffen wiedererkennbare Identität. Beliebige Eingriffe dezimieren das Heimatgefühl, wie Jäger am Beispiel der Auflösung des Straßenraums durch allerlei gut gemeinte Verkehrsberuhigungsmaßnahmen darlegt.

Neben flaneurhaften, Jäger als Stadt-Romantiker ausweisenden Aufsätzen über Brandmauern, den Wandel von Ost-Berliner Straßenzügen oder eben das Mietshaus, gibt es auch bissige Analysen etwa der den Denkmalschutz sträflich missachtenden Sanierungen von U-Bahnhöfen. Besonders der Linie 8, die Jäger und seinen Ko-Autoren im ursprünglichen Zustand als weltweit einzigartiges Ensemble der Neuen Sachlichkeit galt, weint das sonst wenig nostalgische Buch heiße Tränen nach. Umso spannender, dass – neben anderen Restaurierungsfachleuten – auch ein BVG-Ingenieur im Interview zu Wort kommt, der als Praktiker an der Strecke arbeitet.

Poetische Impressionen haben ebenso ihren Platz wie Architekturkritik

Poetische Impressionen, Fakten zur Kultur- und Architekturgeschichte und genauso die kritische Auseinandersetzung mit dem Pragmatiker-Diktum der ewigen „Sachzwänge“, all das hat hier seinen Platz. Wobei es Frank Peter Jäger wichtig ist, zu betonen, dass er nicht die Gleichung „alt gleich schön“ aufmacht. „Der Berliner Dom wird schließlich immer hässlich bleiben.“

Das gilt auch für die Mehrheit der Neubauten, die das neue Berlin sich derzeit in die Eingeweide pflanzt. Die meisten könnten der modernen Architektur des 20. Jahrhunderts nicht das Wasser reichen, ist Jäger überzeugt. Er vermisse die Fähigkeit, in städtischer Dimension zu denken. „Die werden nicht gut altern“. Ganz im Gegensatz zum gemeinen Berliner Trottoir. Jäger deutet durch das Galeriefenster hinaus auf die Brunnenstraße und erklärt Material und Aufbau des Bürgersteigs. In der Mitte liegt die Gehbahn, die traditionell nicht wie hier aus Kunststeinplatten, sondern aus 300 Millionen Jahre altem Granit, den sogenannten „Schweinebäuchen“ besteht. Je eine Reihe fünfeckiger Platten, „Bischofsmützen“ genannt, fassen die Gehbahn ein. Die Abgrenzung zu Hauswand und Straße bilden kleinteilig gepflasterte Streifen, traditionell gefertigt aus Bernburger Kalkstein. Speziell der Granit hat es Frank-Peter Jäger angetan. Er ist extra an den Ursprungsort, einen Steinbruch in Schlesien, gefahren. „An der Oberfläche des Steins treffen sich die Ewigkeit des Felsens und die Gegenwart des Lebens.“ Mehr berlinische Transzendenz geht nicht.

Frank Peter Jäger (Hg.): Berlin – Die Schönheit des Alltäglichen, Jovis Verlag, 192 S., 28 €. Ausstellung "Berlin - Urbane Textur einer Großstadt" in der Neuen Schule für Fotografie, Brunnenstr. 188, bis 23. April, Do–So 13–18 Uhr, Ostersonntag und -montag geöffnet.

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