Kultur : Stadtneurotiker in Istanbul

Kultur-Clash auf Türkisch: In seinem Film „Uzak“ zeigt Nuri Bilge Ceylan eine harte Gegenwart

Daniela Sannwald

Mahmut ist Fotograf in Istanbul. Er lebt in einer schönen, großen Wohnung, trifft sich ab und zu mit seinen Kollegen und grämt sich darüber, dass seine Frau ihn verlassen hat. Eines Tages steht Yusuf vor der Tür, ein arbeitsloser entfernter Verwandter aus Anatolien, der in Istanbul auf einem Frachtschiff anheuern will. Er bittet Mahmut, ihn einige Tage bei sich aufzunehmen. Yusufs Aufenthalt zieht sich jedoch in die Länge, und die beiden Cousins fangen an, sich gegenseitig gehörig auf die Nerven zu gehen.

„Uzak“ erzählt anhand der beiden so unterschiedlichen Männer vom Culture Clash innerhalb der Türkei, wo besonders krasse Unterschiede zwischen Arm und Reich, Stadt- und Landbewohnern und Bildungsgraden bestehen. Und zwischen dem extrem westlich geprägten Lebensstil der urbanen intellektuellen Mittelschicht und der eher den orientalischen Traditionen verhafteten Lebensweise der kleinen Leute. Dabei schneidet der Großstadtbewohner nicht gut ab, er entpuppt sich als asozialer Zwangsneurotiker, der den armen Verwandten nach Kräften mobbt.

Es passiert nicht viel in Ceylans Film, im Wesentlichen schaut man dem Verstreichen der Zeit zu. Sie vergeht immer langsamer, je mehr sich die beiden Männer aus dem Weg gehen und umso mehr sie einander heimlich beobachten.

Aber während sich Yusuf noch bemüht, seinen älteren Cousin zu verstehen, kreisen Mahmuts Gedanken nur um sich selbst. Seine Abfolge von kleinen Ritualen ist gestört, mehr hat er Yusuf eigentlich nicht vorzuwerfen. Vielleicht noch, dass der ihn vage an eine andere Lebensform erinnert, eine sozialere, über die er sich gleichwohl hinausgewachsen wähnt.

Kalt, dunkel und verschneit, so präsentiert Nuri Bilge Ceylan, der puristische auteur in der neuen Generation türkischer Regisseure, sein Istanbul. Lange Einstellungen zeigen den schneebedeckten Topkapi-Palast und den vereisten Hafen, die steilen, rutschigen Straßen und die neonbeleuchteten Cafés, in denen Yusuf immer wieder vorbeischaut, um der womöglich noch größeren Tristesse in Mahmuts Wohnung zu entgehen.

Mit seinen Augen bestaunt man die verschneite Stadt, die trostlose Hafengegend, die öden Männertreffpunkte, aber auch die freundliche Nachbarin Mahmuts, die ein wenig Licht in Yusufs stoisches Dahinvegetieren bringt. Einmal nimmt Mahmut ihn mit zu einem Treffen mit Kollegen – Yusuf sitzt mitten zwischen ihnen und wird doch komplett ignoriert, Leute wie er existieren in der schicken Fotografenszene allenfalls als Objekte für Dokumentaraufnahmen, aber dann ist stets die Kamera dazwischen. Nuri Bilge Ceylans Film handelt auch von der Vergrößerung der Distanzen innerhalb der türkischen Gesellschaft, die seit der Aufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen zugenommen hat: Nicht alles, so lässt „Uzak“ vermuten, wird mit zunehmender Verwestlichung besser, schon gar nicht für alle.

In Berlin im fsk (OmU), Hackesche Höfe (OmU).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben