Stadtplanung : Überall ist Babylon

Berlin, Paris, London, Chicago: Das TU-Architekturmuseum zeigt die Anfänge moderner Stadtplanung.

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Alles wohlgeordnet. Albert Gessner reichte zum Wettbewerb von 1910 dise Vogelperspektive auf Berlin vom Südbahnhof bis zum Müggelsee ein.
Alles wohlgeordnet. Albert Gessner reichte zum Wettbewerb von 1910 dise Vogelperspektive auf Berlin vom Südbahnhof bis zum...Foto: Architekturmuseum der TU Berlin

1910 lebten eine Million Berliner in Wohnungen, deren heizbare Zimmer mit je drei oder mehr Personen belegt waren. Was heute für Kalkutta oder Lagos zutrifft, galt damals für die preußische Hauptstadt: Sie war hoffnungslos übervölkert. Der Glanz der Residenzstadt mit ihren prachtvollen, meist neu errichteten Gebäuden im Zentrum verdeckte nur, dass in den Arbeiterbezirken die blanke Not herrschte, Obdachlosigkeit, Armut und Seuchen, vor allem Tuberkulose.

1910 gab es kein einheitliches „Groß- Berlin“. Es wurde nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs geschaffen, zusammengefügt aus Städten, Dörfern und Gutsbezirken, wobei sich die Fläche der Stadt auf 880 Quadratkilometer verdreizehnfachte. Erst jetzt wurde möglich, was längst erhofft und gefordert worden war: eine gesamtstädtische Planung.

Die Ergebnisse des damaligen Berliner Städtebauwettbewerbs wurden 1910 in der „Allgemeinen Städtebau-Ausstellung“ im Gebäude der heutigen Universität der Künste an der Hardenbergstraße vorgestellt. Der Wettbewerb, zu dessen Präsentation Persönlichkeiten wie Ernst von Borsig oder Werner von Siemens ihre Namen geliehen hatten, sollte Lösungen „sowohl für die Forderungen des Verkehrs, als für diejenigen der Schönheit, der Volksgesundheit und der Wirtschaftlichkeit“ erbringen. Eine Quadratur des Zirkels, die damals so wenig gelang, wie sie heute möglich wäre, die aber doch mutige, ausgreifende, im besten Sinne visionäre Vorschläge zeitigte.

„Mach keine kleinen Pläne. Sie haben nicht die Magie, um das Blut in Wallung zu bringen“, soll Daniel Burnham gesagt haben, der kurz vor dem Ersten Weltkrieg einen Plan zur Um- oder besser Neugestaltung von Chicago vorgelegt hatte: „Mach große Pläne, strebe hoch hinaus!“ Burnham stand damit nicht allein, war um 1910 doch die große Zeit der Stadtplaner angebrochen. Das ungezügelte Wachstum der Weltmetropolen erforderte ein planvolles Vorgehen – und der technische Fortschritt machte es möglich: ob in Berlin, Chicago, Paris oder gar in London, der so selbstgewissen wie chaotisch geformten Hauptstadt des größten Kolonialreichs der Erde. Diese vier Städte standen im Mittelpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit für den Städtebau, die sich entlang der in zahlreichen Ländern stattfindenden Kongresse entzündete.

Die vier Städte sind denn auch Gegenstand der Ausstellung „Stadtvisionen 1910/2010“, die das Architekturmuseum der TU Berlin zum 100. Jahrestag der damaligen Übersicht veranstaltet. Keine Nostalgie: Die Ausstellung beleuchtet zugleich, welche Problemfelder die Städte heute aufweisen und wie sie deren Bewältigung angehen.

Faszinierend ist dennoch zunächst der Blick zurück. Jahrzehnte vor der Erfindung des Computers wurden nicht nur Pläne und Diagramme von Hand gezeichnet, sondern ganze Stadtansichten gemalt. Aus der Vogelschau entstanden suggestive Panoramen, die eines gemeinsam haben: Vor dem Betrachter breiten sich wohlgeordnete Idealstädte aus, ohne Schmutz, ohne Verkehrsstau, aber auch ohne Vergangenheit. Der überlieferte Stadtgrundriss dient nur mehr als Ausgangspunkt, von dem aus die herrlichsten Neubauten imaginiert werden. Das gilt schon für die Gewinner des damaligen Berliner Wettbewerbs, die TUStädtebauprofessoren Joseph Brix und Felix Genzmer, die zahlreiche Straßendurchbrüche durch das noch vormoderne Zentrum empfahlen. Mehr noch gilt es für Bruno Schmitz, den späteren Entwerfer des Leipziger Völkerschlachtdenkmals, der eine „neue Monumentalstadt“ auf eineinhalb Meter breiten Panoramen vorstellte. Und zwar mit dem gesamten Repertoire des Neoklassizismus jener Jahre, mit Tempelfronten und Turmbauten, mit Plätzen und breiten Achsen.

Tatsächlich ging es beim Groß-Berlin-Wettbewerb mehr um die Lösung der Verkehrsprobleme. Brix und Genzmer wurde der Sieg vor allem deshalb zugesprochen, weil sie eine überzeugende Neuordnung des Schienenverkehrs vorlegten. Die heute endlich verwirklichte Nord-Süd-Eisenbahnverbindung beruht auf diesem 100 Jahre alten Entwurf. Überhaupt erstaunt, wie eng sich die Infrastruktur Berlins stets an den damals formulierten Grundgedanken orientiert hat, allen grundstürzenden Wechseln in der Architekturauffassung zum Trotz.

Den Planungen der anderen drei Städte war nicht mehr Erfolg beschieden als dem Berliner Vorstoß. Paris hatte seine Umgestaltung durch Baron Haussmann bereits hinter sich, als die Planung von 1910 sich auf die Verzahnung mit dem Umland konzentrierte. In London wurden lediglich einige wenige Straßendurchbrüche und -verbreiterungen vorgeschlagen, deren Ausführung Stückwerk blieb. In Chicago hatten die seit der Weltausstellung von 1893 gehegten Visionen von einer „City Beautiful“ gegen die Kommerzinteressen der erzkapitalistischen Stadt keine Chance.

Und doch blieben die Pläne wirkungsmächtig. Sie stellen ein Bild vor Augen, das man heute mit dem Begriff der „lebenswerten Stadt“ umschreiben würde und das sich noch in den Ideen von 2010 wiederfindet. Chicago will sich zur klimaneutralen Musterstadt wandeln, die französische Hauptstadt erstrebt unter dem Titel „Paris Métropole“ eine großräumige Entwicklung womöglich bis nach Le Havre, und London begreift nach der kommerziell betriebenen Ausdehnung in die alten Docklands die Entwicklung des Ostens mit „Thamesgate“ als Potenzial.

Und Berlin? Hier gibt es zwar kein „Grand Design“, aber eine Reihe brisanter Handlungsfelder. Allen voran das Tempelhofer Feld: Dessen westlicher, heute kleinräumig bebauter Bereich war bereits 1910 ein heiß umstrittenes Entwicklungsgebiet. Der Krieg verhinderte die Ausführung der am großbürgerlichen Geschmack ausgerichteten Planungen. Über ein Jahrhundert hinweg geblieben ist jedoch das Leitbild der rational organisierten Großstadt. Was 1910 in allen Metropolen Papier blieb – auch in Wien, Barcelona oder Boston – , hat heute, unter dem Gebot von Klimaneutralität, Umweltschutz und Nachhaltigkeit erstmals eine reelle Chance auf Verwirklichung. Was indessen verloren ging, ist der architekturästhetische Anspruch, den die Künstler-Planer von 1910 selbstverständlich erhoben.

In der TU sind vor allem Text-Bild-Tafeln zu sehen sowie einige wenige Originalentwürfe. Denn die Exponate der damaligen Ausstellung existieren nicht mehr. Nachdem sie in den USA gezeigt worden waren, versanken sie 1914 mit dem Frachter „Emden“ im Ozean. Symbolträchtiger konnte das große Jahrzehnt des Städtebaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaum zu Ende gehen.

Architekturgebäude der TU, Straße des 17. Juni 152 (am Ernst-Reuter-Platz), bis 10. Dezember, Di-Fr 14-20, Sa 12-18 Uhr. Eintritt frei. Katalog bei DOM publishers, 48 €. Podiumsdiskussion in der Urania, Mi, 20. Oktober, 19.30 Uhr, Eintritt frei.

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