Kultur : Stadtreinigungsblues

KERSTIN DECKER

Das Leben im Osten, ein Vergleich: Doppel-Dokumentarfilm 1990/97VON KERSTIN DECKERHelmut Kohl steht vor der Leipziger Oper und spricht vom Abendland.Daß es wieder jung und dynamisch sein werde, das Abendland ..."Helmut! Helmut!" ...und daß auch die Sachsen dabei sein werden ..."Helmut! Helmut!" ...Etwas später kommen Gabi, Stefan und Henry und räumen den Müll weg.Ob sie wissen, wo das Abendland liegt?Aber sie wissen etwas anderes: Von allen Ereignissen der Geschichte bleibt Abfall.Die Weisheit der Straßenkehrer.Haben sie eine Poesie? Bis morgens um sechs gehört Leipzig ihnen.Es ist die Zeit, wo selbst eine leere Bierbüchse die Illusion haben darf, sie wäre allein auf der Welt - so übers Pflaster scheppernd einer schlafenden Stadt.Gerd Kroske hat 1990 in schwarz-weiß gedreht.Er machte die Plätze breiter, die Straßen länger, die Schatten stärker, die Besen lauter.Ein Kunstfilm übers Straßenfegen.Stadtreinigungsblues.1997 kam Kroske zurück, diesmal in Farbe.Vielleicht wegen dem Orange der Stadtreinigungsmaschinen.Oder weil die Realität bunt ist und nur die Poesie schwarz-weiß.Es gibt keine Besen mehr.Auch Gabi, Henry und Stefan sind weg.Sie trinken jetzt noch mehr als früher.Stefan kauft von der Sozialhilfe ein Campingbett.Gabi steht in Rüschenschürze in der Küche und macht Klöße.Ganz normal.Nichts mehr von dem schrill-schleifenden Tonfall, wie ihn betrunkene Frauen haben abends in der Kneipe.Der elfjährige Sohn ist im Heim.Drei Straßenfegerleben.Nur noch Abendland und Sonnenuntergang.Fast täglich nach letztem Glas.Einen Kommentar hat "Kehraus" nicht.Was wäre denn zu sagen? In den Hackeschen Höfen

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