Kultur : Stadtschloss-Debatte: Auferstehung aus Ruinen

Bernhard Schulz

Abriss, Neubau, Wiederaufbau? Seit einem Jahrzehnt wird über die Gestaltung des Schlossplatzes diskutiert: über einen Wiederaufbau des Hohenzollern-Stadtschlosses und, damit verbunden, das Schicksal des DDR-"Palastes der Republik". Derzeit ist die offizielle Diskussion an die Kommission "Historische Mitte Berlin" überwiesen. Die im Herbst 2000 gemeinsam von Bund und Berlin eingesetzte Gruppe von Experten hielt am vergangenen Freitag ihre erste Sitzung ab. Nach dem vom Kommissions-Vorsitzenden Hannes Swoboda mitgeteilten Verfahren ist bis zum Jahresende eine "klare Empfehlung" zu erwarten. Zunächst soll über den Stadtraum beraten werden, dann über die mögliche Nutzung eines Gebäudes auf dem Schlossplatz, in einer weiteren Sitzung über dessen Finanzierung und erst in der Schlussrunde über die Architektur.

Das "Preußenjahr", das zum Jubiläum der Erhebung des preußischen Herrscherhauses in die Königswürde im Jahr 1701 begangen wird, sollte eigentlich die Diskussion beflügeln. Doch trotz aller publizistischen Erinnerung an die Debatte, die Anfang der 90er Jahre und zumal an Hand der räumlich eindrucksvollen Schlossattrappe vom Sommer 1993 vehement geführt worden war, ist von öffentlicher Erregung wenig zu spüren. In der Debatte um die städtebauliche Bedeutung des Schlosses und die architektonische Form eines möglichen Gebäudes ist allerdings auch kein einziges Argument zu erkennen, das nicht zuvor schon geäußert und diskutiert worden wäre.

Wahrscheinlich lag der Fehler der bisherigen Debatte darin, dass sie allein um diese beiden Aspekte geführt, die mögliche Nutzung gleich welchen Gebäudes am historischen Mittelpunkt Berlins hingegen vernachlässigt wurde. Dazu hat der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, unterdessen den gewichtigen Vorschlag entwickelt, die Sammlungen des Ethnographischen Museums, des früheren Völkerkundemuseums, aus Dahlem an den Schlossplatz zu verlagern. Die bisherigen Vorschläge hingegen - Hotel, Konferenzzentrum, gar eine Uno-Dependance - zeichneten sich durch Beliebigkeit aus und entsprachen dem, was allerorten für Großbauten erdacht wird. Die Präsentation der Ethnographischen Sammlungen soll, von der räumlichen Nähe zu den Museen der europäischen Kunstgeschichte auf der Spreeinsel ganz abgesehen, die Weltoffenheit des wiedervereinten Deutschland sichtbar unterstreichen. So könnte das grundgesetzliche Bekenntnis zu den Menschenrechten einen zugleich symbolischen wie für jedermann praktisch nachvollziehbaren Ausdruck finden.

Lehmanns Vorschlag liegt im Trend, dies sei nicht unterschlagen. Der französische Staatspräsident hat die Verlagerung der außereuropäischen Kunst von der Peripherie ins Zentrum von Paris zu seinem grand projet erklärt. Bereits jetzt ist eine Auswahl der "ursprünglichen Künste" im Allerheiligsten zu sehen, im Louvre. Für das künftige Museum unweit des Eiffelturms wird Stararchitekt Jean Nouvel einen 400 Millionen Mark teuren Neubau errichten, um die in den Pariser ethnographischen Museen bis heute spürbare koloniale Herablassung endgültig zu überwinden.

Das Pariser Exempel zeigt, dass die Nutzung als - wenn man so will - Weltkulturmuseum neuen Typs und der Wiederaufbau des Hohenzollernschlosses schwer zu vereinende Ziele darstellen. Welchen Sinn hätte es, ozeanische Kultobjekte oder afrikanische Masken in den Gemächern eines Schlosses aufzustellen? Die Hohenzollernresidenz hatte nach dem Auszug des letzten Kaisers bereits seit 1919 als Museum gedient - wohlgemerkt als Kunstgewerbemuseum. Denn das Schloss bedeutete den Gipfel der Bemühungen ungezählter Kunsthandwerker, die das Schloss zu jenem Gesamtkunstwerk ausstatteten, das mit der barbarischen Sprengung auf Geheiß der SED tatsächlich unwiderbringlich verloren gegangen ist.

Eine Nutzung, die gänzlich vom ursprünglichen Erscheinungsbild des Schlosses absieht, erscheint schwer vorstellbar. Die Museen der europäischen Kunst hingegen könnten sehr wohl hinter einer wiedererstandenen Barockfassade in neuzeitlichen Räumen Platz finden. Und natürlich ist eine museale Nutzung keineswegs zwingend. Politische oder mit der Politik eng verbundene Nutzungen würden einem Schlossbau vielmehr jenes Gewicht verleihen, das der stadträumlichen Bedeutung des gewaltigen Bauwerks korrespondierte.

Es ist also nur zu berechtigt, dass die Experten sich zuerst über die Nutzungen verständigen. Die Nutzungsfrage ist der archimedische Punkt, von dem aus sich eine auf Dauer befriedigende Lösung der Schlossproblematik herleiten lässt. Ob eine so gefundene Lösung auch die Zustimmung einer breiten Öffentlichkeit finden würde, ist eine andere Frage. Offenkundig ist es ja nicht die Nutzung, sondern das Für und Wider einer historischen Rekonstruktion, das die öffentliche Meinung teilt.

Immer deutlicher ist im Laufe der zehnjährigen Diskussion geworden, dass die Gegenerschaft gegen eine Rekonstruktion sich auf objektive Begründungen nicht mehr stützen kann. Anfangs war vorgeschoben worden, ein der geschichtlichen Gestalt des Schlosses entsprechender Wiederaufbau sei im Staub der Sprengwolke vom Juli 1950 zerstoben. Das ist schlichtweg falsch. Das Äußere des Ensembles ist vor dem Krieg sorgfältig vermessen und fotografiert worden. Darüber hinaus hat das beharrliche Suchen der Schlossfreunde - und nicht etwa, wie man meinen sollte, der staatlichen Denkmalpflege - mehr und mehr Spolien, Bruchstücke der alten Substanz, zu Tage gefördert, so dass mittlerweile von bis zu einem Viertel der originalen Fassaden die Rede ist. Der Horror vor einem "Disneyland" in der Mitte Berlins gehört ins Reich ideologischer Albträume.

Selbst das Innere des über Jahrhunderte gewachsenen Baukörpers, das nicht in gleichem Maße dokumentiert ist wie die Fassaden, stellt nicht durchweg unlösbare Aufgaben. Zumal die Schlossgegner in den Redaktionsstuben südlich der Mainlinie seien daran erinnert, dass die herrliche Residenz der Wittelsbacher aus schwersten Zerstörungen wiedererstanden ist, und kein Münchner käme auf die Idee, Herkulessaal oder Antiquarium als Simulation zu schmähen. Es wäre reizvoll, einen Bildband mit Nachkriegsrekonstruktionen zusammenzustellen: Staunen würden die Schlossgegner, wie viele der im Originalzustand überliefert geglaubten Bauten sich der Detailarbeit der Denkmalpflege verdanken.

Die Haltung der Berliner Denkmalpflege ist ein Kapitel für sich. Dass ihr langjähriger Leiter jedwede Rekonstruktion als "Pflege von Gemütswerten" abzuweisen pflegte, sagt genug. Der erbärmliche Positivismus, der die Berliner Behörde am Status quo eines Baudenkmals festhalten lässt, er sei, wie er wolle, führt die aus dem überbordenden Historismus des 19. Jahrhunderts erwachsene Doktrin der bewahrenden Denkmalpflege ad absurdum. Richtig ist, dass sich die Wiederherstellung eines Bauwerks keinen Idealzustand zurechtträumen darf, wie dies vor 1900 gang und gäbe war. Aber diese Gefahr besteht beim Stadtschloss nicht - mit einer allerdings gewichtigen Einschränkung: Das heterogene Erscheinungsbild, das die Wachstumsgeschichte zwischen dem ältesten Teil des "Apothekenflügels"und dem jüngsten in Gestalt der Schlosskuppel erlebbar machte, kann in keinem Fall zurückgewonnen werden. Die Überlegungen eines Wiederaufbaus beziehen sich auf die hochbarocken Bauteile von Schlüter und deren Fortführung durch Eosander von Göthe.

Von der Vergangenheit Abstand zu nehmen und stattdessen auf einen Neubau zu setzen, ist selbstverständlich legitim. Die Zweifel an der Fähigkeit zeitgenössischer Architektur, eine Lösung zu finden, beruhen allerdings auf zahllosen Enttäuschungen. Erinnert sei nur daran, dass auch das unsägliche "ICC" gegenüber dem Messegelände vor nur einer Generation als zeitgemäßes Gehäuse für die Zusammenkunft von Menschen angesehen wurde. Zumindest für die konkretisierbare Nutzung eines "Konferenz- und Politikzentrums" haben frühere Wettbewerbe Lösungsansätze erbracht, die in einem weiteren Verfahren zu entscheidungsfähigen Vorschlägen bearbeitet werden könnten. In allen Gedankenspielen von Architekten ist jedoch keine Idee erkennbar geworden, die auf Anhieb für diesen, von der Last der historischen, stadträumlichen und gesellschaftlichen Anforderungen bedrückten Leerplatz im Herzen Berlins zu überzeugen vermocht hätte.

Eine Lösung immerhin ist im Laufe des zurückliegenden Jahrzehnts verblasst: die trotzige Bewahrung des DDR-Vorzeigegebäudes namens "Palast der Republik". Die Erinnerung an "Mokka-Bar", Bowlingbahn und "Ein Kessel Buntes" in Ehren, aber die Mitte der Stadt verlangt nach mehr als der Nostalgie um ein paar schöne Stunden. Dass die Diskussion um den Schlossplatz mittlerweile aus dem unfruchtbaren Ost-West-Gezänk herausgefunden hat, ist noch das Beste, das dem quälenden Vertagen jeglicher Entscheidung gutzuschreiben wäre.

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