Kultur : Stadtschloss-Debatte: Über Geld spricht man nicht

Helmut Caspar

Wilhelm von Boddiens Schlossbauverein hofft, in zehn Jahren die ehemalige Hohenzollernresidenz mit einem rauschenden Fest einweihen zu können. Doch zu sehen ist noch nichts. Die neue Schlossbaukommission wendet die Argumente für eine Rekonstruktion, einen teilweisen Wiederaufbau oder auch eine ganz neue Lösung hin und her. Indes ist das Thema viel zu brisant, als dass es hinter verschlossenen Türen erörtert werden darf. Deshalb laden die Akademie der Künste und die Bundeszentrale für politische Bildung zu einer dreiteiligen Diskussionsrunde über Berlins Mitte und das Schloss in den Hanseatenweg ein.

Die Diskutanten des ersten Abends und ihr Moderator Bernhard Schneider sprachen Grundsätzliches an - ob unsere Zivilgesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts dasSymbol einer untergegangenen Epoche noch brauche, nur weil es die Straße Unter den Linden so schön abschließe. Der Politologe Klaus von Beyme beschrieb die Abneigung der Berliner gegenüber dem ihnen aufgezwungenen Herrschersitz. Nach dem Ende der Monarchie zum Museum und Arbeitsort zahlloser Dienststellen umfunktioniert, wurde es von ihnen kaum als wichtig angesehen. Erst als die Ruine durch "Ulbrichts Taliban" gesprengt wurde, sei der Bau zur Krönung barocker Schlossbaukunst verklärt worden.

Der Historiker Jürgen Kocka verwies darauf, dass Berlin nicht eine, sondern mehrere "Mitten" habe. Man solle nicht nur auf das Schloss starren, sondern sich der öffentlichen Plätze annehmen, weil sich nur dort Leben entfaltet. Zustimmende Bewegung im Saal entstand, als Kocka eine weit verbreitete Furcht vor den Schöpfungen heutiger Architekten beschrieb. Doch die kann wohl kaum als Argument für die Schlossrekonstruktion herhalten, vielmehr ist Mut zu Alternativen nötig. "Die Rekonstruktion der Frauenkirche oder der Bauakademie - keine Frage. Aber wenn das Schloss, ehemals eine Zwingburg, die Mitte des neuen Deutschland sein soll, läuft etwas schief. Wir sollten heutigen Architekten mehr zutrauen," meinte Kocka, der bei einem Neubau-Wettbewerb jedoch strenge Vorgaben für Volumen oder Traufhöhe forderte.

Die Politologin Gesine Schwan stellt sich eine Fassung vor, die Teile des ehemaligen Schlosses aufnimmt, da eine "rein historische Rekonstruktion" keine Lebendigkeit bewirken würde. Dem in Berlin lebende ungarischen Schriftsteller György Dalos wiederum schwebt etwas "Federleichtes" vor, wenigstens eine elegante Umgestaltung, die den Palast der Republik architektonisch erträglicher machen würde. Zum Beispiel ein Kulturzentrum, für dessen Bestand der Senat allerdings garantieren müsse.

Das war das einzige Mal in der Debatte, dass das Stichwort "Geld" fiel, um sofort wieder vergessen zu werden. Fragen aus dem Publikum nach der weiteren Verwendung des Palasts der Republik blieben unbeantwortet. So schieden Experten und Zuhörer unbefriedigt voneinander. Lösungen waren ohnehin nicht zu erwarten. Eher wurde die Befürchtung bestätigt, dass wir weitere Jahre verlieren - es sei denn, die Politik zeigt endlich Bekennermut ähnlich wie beim Umzugsbschluss von Bonn nach Berlin.

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