Kultur : Stadtschloss: Der Mittelweg zur Mitte

Bernhard Schulz

Die Sensation kommt leise daher. Die Expertenkommission "Historische Mitte Berlin", kurz Schlossplatzkommission, hat nun doch bereits vor dem Jahreswechsel ihre wichtigste Aufgabe erfüllt - und gestern beinahe beiläufig und lediglich mündlich Vollzug gemeldet. Der schriftliche Bericht muss noch erstellt werden. Die Kommissionsempfehlungen betreffen die Nutzung, die städtebaulichen Rahmenbedingungen und die architektonische Gestalt eines künftigen Gebäudes auf dem Areal des einstigen Hohenzollernschlosses. Lediglich zur Finanzierung, die ohnedies von Bundestag und Berliner Abgeordnetenhaus bewilligt werden muss, will sich die Kommission erst Ende Januar äußern.

Die Präferenz der Kommission für das historische Schloss hat nun in differenzierten Abstimmungsergebnissen Ausdruck gefunden. Für Berlin, für die Stadt und ihr Selbstbild am wichtigsten ist die Frage der Architektur. Die Kommission lehnt eine exakte Rekonstruktion des Barockschlosses von Andreas Schlüter und Eosander von Göthe nach den Worten des Kommissions-Vorsitzenden Hannes Swoboda als "weder sinnvoll noch machbar" ab. Sie empfiehlt aber, ein Gebäude in der "Stereometrie" des Schlosses zu errichten, also in dem städtebaulichen Grundriss, der Kubatur und der äußeren Hülle des historischen Vorgängerbaus. Dabei sollen die barocken Fassaden nach Süden, Westen und Norden sowie zum ersten Hof, dem Schlüterhof, in ihrer Gestalt unmittelbar vor Krieg und Zerstörung wiederrichtet werden. Der Schlüterhof kann durch ein Glasdach überdeckt werden. Der andere Hof, der Eosanderhof, soll hingegen nicht wiedererstehen; seine Fläche könne vielmehr überbaut werden, um die gewünschten Nutzungen unterbringen zu können.

Im Inneren soll das neue Bauwerk zeitgenössische Architektur zeigen. Allerdings wird die Wiederherstellung einzelner, historisch bedeutender Innenräume empfohlen. Sowoboda ging hier nicht ins Detail. Die unlängst von Goerd Peschken vorgelegte Forschungsarbeit, die eine Fülle von zuvor nicht für möglich gehaltenen Bilddokumenten zur Ausstattung des Schlosses zu Tage gefördert hat (siehe Tagesspiegel vom 27. 10.), dürfte die Zweifler von der Wiederherstellbarkeit des Inneren überzeugt haben.

Ob Bauteile des nach der Asbestsanierung nur mehr als Gerippe überkommenen "Palastes der Republik" einbezogen werden können, soll geprüft werden. Gedacht ist dabei insbesondere an den Volkskammersaal, dessen denkmalwürdige Qualität sich aus jener historischen Stunde herleitet, da die einzige frei gewählte Volkskammer der DDR dort den Beitritt zur Bundesrepublik beschloss. Gänzlich in neuer Architektur würde sich die an die Spree grenzende Ostseite des Gebäudes präsentieren - wo sich jetzt noch die Längsseite des "Palasts" erstreckt. Das gegenüber liegende "Marx-Engels-Forum", wiewohl nicht Gegenstand der Empfehlung, bleibt als Grünanlage unbebaut.

"Es geht nicht um eine Kopie", versuchte Hannes Swoboda gestern die differenzierte Position des Gremiums zusammenzufassen: "Es geht zugleich um eine viel schwierigere Aufgabe, als ein neues Gebäude zu errichten." Für die Realisierung solle ein beschränkter, eingeladener Wettbewerb ausgelobt werden; erhofft wird die Beteiligung renommierter internationaler Architekten.

Die künftige Nutzung als Dreh- und Angelpunkt der Überlegungen zur Neubebauung fand gestern kaum noch Beachtung. Drei Interessenten haben sich bekanntlich vor geraumer Zeit selbst ins Gerspräch gebracht und sind denn auch von allen Beteiligten mit spürbarer Erleichterung akzeptiert worden: die Staatlichen Museen, die ihre außereuropäischen Sammlungen von Dahlem in die Stadtmitte verlegen, die Humboldt-Universität, die ihre Sammlungen zur Wissenschaftsgeschichte endlich öffentlich machen, und die Stadt- und Landesbibliothek, die ihre bescheidenen und zersplitterten Räumlichkeiten gegen eine große Lösung eintauschen wollen. Dazu soll sich noch eine zur "Agora" geadelte Ansammlung von Veranstaltungs- und Tagungsräumen gesellen. Insgesamt addieren sich die Raumwünsche der drei Aspiranten auf 100 000 Quadratmeter Hauptnutzfläche, von denen wohl nur 80 000 innerhalb der Schloss-Kubatur untergebracht werden können. Allein schon an der kniffligen Platzfrage wird deutlich, dass der Wiederauf- beziehungsweise Neubau des Schlosses eine weit in die angrenzenden Areale ausgreifende Planung mit sich bringt. Es geht, auch wenn Swoboda große Worte sorgsam meidet, um die Neugewinnung der historischen Mitte Berlins.

Wie allerdings die vom Kommissions-Vorsitzenden bereits mit "Synergieeffekten" belobigte Kombination der drei öffentlichen und publikumsintensiven Nutzungen aussehen soll, bleibt den Beteiligten überlassen - und der dreijährigen Planungszeit, die der als früherer Wiener Baustadtrat mit allen Aspekten der Materie vertraute Swoboda bis zum frühestmöglichen Baubeginn im Jahre 2005 für notwendig erachtet.

Viel Arbeit bleibt also noch zu erledigen. Die Kommission wird sich mit der Vorlage eines Finanzierungskonzeptes in wenigen Wochen auflösen. Über die Gesamtkosten wollte sich Swoboda nicht auslassen. Aber er machte deutlich, dass das Vorhaben der Schlossbebauung eine "nationale Aufgabe" sei, und dass "keine Stadt in Europa ein solches Gebäude aus sich heraus errichten und finanzieren" könne. Das war eine vernehmliche Botschaft an den erklärten Befürworter des Bauvorhabens. Der amtierte eine Weile lang im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude, den leer gefegten Schlossplatz vor Augen, und regiert jetzt in einem herrlichen Neubau: Gerhard Schröder.

Übrigens könne "niemand behaupten, dass moderne Architektur in Berlin keinen Spielraum" habe, betonte Swoboda noch. Auch dieses Wort dürfte den Bundeskanzler erreichen.

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