Kultur : Stadtsnobs und Landeier

So schnell geht es nach Istanbul: die Türkische Filmwoche in Berlin

Daniela Sannwald

Gerade ist der Berlinale-Sieger „Gegen die Wand“ ins Kino gekommen – wie sich zeigt, der bislang größte Erfolg von Fatih Akin, mit über 80000 Zuschauern am ersten Wochenende bei nur 79 Kopien. Während sich bereits abzeichnet, dass die deutschen Türken in Akins Selbstbehauptungsdrama einer jungen Frau zwischen Hamburg und Istanbul nicht gerade hineinstürmen, ganz anders als das aufgeschlossenere Kinopublikum in der Türkei, beginnt heute eine Türkische Filmwoche in Berlin. Und die könnte, wenn nicht alles täuscht, vom Fatih-Akin-Hype durchaus profitieren.

Da wird zum Beispiel „Susuz Yaz“ von Ismail Metin gezeigt, ein türkischer Film, der bereits 1964 einen Goldenen Bären gewann. Die meisten der zwölf Spielfilme, denen jeweils Kurzfilme vorangestellt sind, stammen jedoch aus den letzten Jahren. Sie sind Zeugnisse eines neuen, realistischen Kinos, das vor allem in Istanbul entsteht. Und dieses Kino hat mit Mainstream-Filmen wie „Vizontele“, die neben ihrem Erfolg in der Türkei auch hierzulande mittlerweile beachtliche Zuschauerzahlen erreichen, ästhetisch und thematisch nichts zu tun.

Der bescheidenste dieser Filme ist vielleicht auch gleich der beste: 2002 wurde auf dem Istanbuler Filmfestival „Dokuz/Neun“ präsentiert, der erste vollständig mit DV-Kamera gedrehte türkische Spielfilm: „Eigentlich eine No-budget-Produktion“, sagte Ümit Ünal, der in London und Istanbul ansässige Regisseur. „Es gab einen Raum und eine Kamera; und ich hatte etwas eigenes Geld. Bis wir jemanden fanden, der uns eine 35-mm-Kopie fürs Kino finanzierte, dauerte es lange.“ Diese Kopie aber wird jetzt gezeigt, und was man zu sehen bekommt, ist ein hochspannender Whodunit-Krimi, eine exzellente Montage aus sechs Polizeiverhören: In einer intakten Istanbuler Nachbarschaft ist eine junge Ausländerin ermordet worden. In den Vernehmungen kehren die nächsten Anwohner nach und nach ihr Innerstes nach außen: Ressentiments, geheime Wünsche, Antipathien. Die Beschränkungen des digitalen Mediums visualisieren perfekt den Gegenstand des Films: Enge und Borniertheit, buchstäblich und im übertragenen Sinn.

Zu entdecken ist auch Nuri Bilge Ceylan, dessen Filme zwar auf Festivals in aller Welt ausgezeichnet werden, jedoch kaum ihren Weg ins normale Kinoprogramm finden. „Uzak/Fern“ erzählt die Geschichte zweier ungleicher Cousins, die im tief verschneiten Istanbul eine unfreiwillige Wohngemeinschaft eingehen. Sehr langsam entwickelt sich eine Antipathie zwischen dem städtischen, wohlhabenden Fotografen und dem armen Verwandten vom Land, der in Istanbul Arbeit sucht. „Uzak“ handelt vom Culture Clash innerhalb der Türkei, wo besonders krasse Unterschiede zwischen Arm und Reich, Stadt- und Landbewohnern und Bildungsgraden bestehen.

Urban und orientalisch

Gleiches gilt für den extrem westlich geprägten Lebensstil der urbanen intellektuellen Mittelschicht und der eher den orientalischen Traditionen verhafteten Lebensweise der kleinen Leute. Dabei schneidet der Großstadtbewohner nicht gut ab, entpuppt sich als asozialer Zwangsneurotiker, der den armen Verwandten nach Kräften mobbt. Und auch der erste Spielfilm des radikalen Autorenfilmers Ceylan, der vom Drehbuch bis zum Endschnitt alles selbst macht, ist zu sehen: „Kasaba/Die Kleinstadt“ (1988), in dem er seinen Blick auf die Provinz richtete.

Ganz anders das Männerporträt, das der eine Generation ältere Regisseur Ömer Kavur in „Karsilasma/Begegnung“ entwirft. Darin spielt der zurückhaltende, melancholische Ugur Polat, der zu einem Star des neuen türkischen Kinos geworden ist, einen Mann in der Identitätskrise. Todkrank und um seinen vor zwei Jahren gestorbenen Sohn trauernd, freundet er sich mit einem kriminellen Spielcasino-Besitzer an, und plötzlich passieren lauter merkwürdige Dinge. Es scheint sogar eine zweite Chance für ihn zu geben, auf einer Insel mit einer neuen Frau. Oder sind das alles nur Phantasmagorien?

Im Gegensatz zu den kargen, nüchternen Inszenierungen der Männergeschichten dieser Regisseure steht etwa „Sir çocuklari/Verschwiegene Kinder“ (2002). Aydin Saymans Film erzählt von einem Jungen, der vor seinem prügelnden Stiefvater in Adana nach Istanbul flieht. Dort muss er das Überleben auf der Straße lernen. Einer Gruppe junger Streuner wird ihm zur Ersatzfamilie. Dieser Film ist opulent inszeniert, mit Elendsbildern und viel Musik – aber alles ist am Ende doch nicht so schlimm, schließlich gibt es überall Ersatzväter, die sich um die Jungen kümmern. Ein bisschen viel Sozialromantik, aber man bekommt einen ganz anderen Eindruck von der großartigen Metropole Istanbul, als ihn etwa „Uzak“ vermittelt.

Vielleicht ist das überhaupt die größte Entdeckung, die man während der Türkischen Filmwoche machen kann, denn fast alle türkischen Filme spielen in Istanbul. „Man braucht hier kein Studio“, sagen die Filmemacher, „die Stadt ist die beste Kulisse, die man sich vorstellen kann.“ Auch Fatih Akin mochte nicht auf diesen Schauplatz verzichten und zeigt in „Gegen die Wand“ vor allem die düsteren Seiten der Stadt am Bosporus. Aber es gibt auch Licht, Helle, ein Strahlen sommers wie winters, und das kommt auf der Leinwand besonders gut zur Geltung.

Zoo Palast, bis 26. März, Tel. 25 41 47 77.

Infos: www.tuerkischefilmwoche-berlin.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar