Kultur : Stadtspuren

Der Bildhauer O. H. Hajek im Berliner Kolbe-Museum

Jens Hinrichsen

Selten gehörten Utopie und Kunst so eng zusammen: Der Bildhauer Otto Herbert Hajek (1927 bis 2005) glaubte unbeirrbar an die Veränderbarkeit der Gesellschaft durch Kunst. Seinen künstlerischen Weg von der Bronzeskulptur zur Platzgestaltung zeichnet nun das Georg-Kolbe-Museum nach. Eindrucksvoll belegt die Retrospektive „Raum – Farbe – Zeichen", wie Hajeks Kunst in fünf Jahrzehnten zunehmend in den Raum ausgriff. In Böhmen geboren, zwischen 1947 und 1954 an der Kunstakademie in Stuttgart ausgebildet, beanspruchte Hajek den Stadtraum als sein Aktionsfeld. Eine Haltung, die Widerspruch weckte.

Eine Reihe Bronzefiguren der frühen Fünfziger belegen noch Henry Moores Einfluss auf den jungen Plastiker. Doch dann ließ Hajek, der auch Gemälde schuf, die informellen Bildzeichen in den Raum wachsen. „Raumknoten“ oder „Raumschichtungen“ heißen die Werkgruppen dieser Zeit. Es sind gitterförmige Bronzen aus vegetativen Formen, wie bei den „Kreuzwegstationen“ im Vorhof der Kirche Maria Regina Martyrium in Berlin-Plötzensee, die aus Treibholz zusammengefügt scheinen.

In den Sechzigerjahren wandelt sich die Erscheinungsform der Skulpturen deutlich. Nun überwiegen geometrische Grundformen, die Hajek häufig zu komplexen Environments arrangiert, etwa zur begehbaren Betonplastik „Frankfurter Frühling“, die 1964 auf der Documenta III gezeigt wird. Hajek greift zu Holz, Aluminium oder Stahl und beginnt, seine Strukturen mit gelben, roten oder dunkelblauen „Farbwegen“ zu übermalen. Die stadtplanerische Dimension ist hier schon mitgedacht. „Farbwege“, so Hajek, „gehen über Städte und machen die Stadt dem Menschen als artifizielle Einheit bewusst.“ Aus dem Galerieraum der Esslinger „(op) art galerie“ hinaus zieht er 1966 eine 40 Kilometer lange Farbspur durch den Stadtkern.

Hajek polarisiert: Seine signalfarbenen Kunstlandschaften ab den Siebzigern werden entweder gefeiert – wie im australischen Adelaide – oder aufgrund allgemeiner Skepsis gar nicht erst realisiert – wie der Entwurf für die Bahnhofstraße in Hannover. „Mein Werk, das in die Öffentlichkeit tritt, auf Plätzen, in Rathäusern, Kirchen, Universitäten, sich in urbanen Situationen mit einer Mehrheit konfrontiert, die es nicht bestellt hat, muss Unverständnis, Ablehnung und Ächtung aushalten können“, hat er einmal gesagt. „Utopie“ – das war ihm wohl bewusst – ist auf Griechisch der „Nicht-Ort“. Nicht jeder Hajek-Entwurf hat seinen Bestimmungsort erreicht. Doch das Museum gewährt Asyl. Jens Hinrichsen

Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 24. August, Di-So 10-17 h, Kat. 24,80 €.

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