Kultur : Stadtstil

Die Festwochen entdecken den Komponisten Stefan Wolpe

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Eine Kammeroper aus den zwanziger Jahren, die auf dem Potsdamer Platz spielt? Schier unglaublich, dass ein solches Werk seit seiner teilweisen Uraufführung von 1928 in Berlin nicht mehr zu hören war.

Zumal die Musik von Stefan Wolpe stammt, eine der interessantesten und facettenreichsten Komponistenpersönlichkeiten, die Berlin im letzten Jahrhundert hervorgebracht hat. „Zeus und Elida“ heißt die kaum halbstündige musikalische Groteske, in der sich der abgedankte Göttervater („Hitler jetzt sein Zepter trägt“) in eine Dirne verliebt. In ihr glaubt er „Elida“ zu erkennen – jenes Mädchen, dessen Konterfei auf der Reklame für Seife berühmt wurde. Mit markanten Strichen zeichnete Wolpe in der nur halbstündigen Oper ein grelles Bild vom verkehrsreichsten Platz der Hauptstadt, wo Freudenmädchen, Chauffeure und Zeitungsverkäufer den Ton angeben: Mit einer hektischen, agitierten Musik, in der sich Bach’sche Themen mit Charleston und Csárdás messen, bis der Staatsanwalt gewordene Obrigkeitsstaat entnervt verkündet: „Ich verbiete den ganzen Potsdamer Platz“.

Ein spannender Auftakt, der viel hoffen lässt für die Reihe von Konzerten, welche die Festwochen mit Hilfe der Stefan-Wolpe-Society noch bis Samstag zum 100. Geburtstag des Komponisten im Konzerthaus präsentieren. Wie vielfältig Wolpes Werk von Beginn an war, zeigt die Gegenüberstellung der Kammeroper mit zwei gleichzeitig entstandenen Kompositionen: Die Vertonung von Kästners „Stimmen aus dem Massengrab“ gibt mit ihren Sprechchören einen Eindruck von Wolpes Agitprop-Stil, wobei man sich hier etwas mehr agitatorischen Biss gewünscht hätte. Die „Schönen Geschichten“ wiederum vermitteln die dadaistische Geisteshaltung des Komponisten. Auch hier setzen der Dirigent Werner Herbers, die Ebony Band und die Capella Amsterdam zusammen mit den versierten Solisten zuallererst auf die engagierte Dokumentation einer ausgefeilten Komposition. Stefan Wolpes kabarettistisches und agitatorisches Potenzial voll auszuschöpfen, wird eine lohnende Aufgabe bleiben. Carsten Niemann

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