Kultur : Stahlzart

Constantin Brancusi und Richard Serra in Basel

Max Glauner

Der Kontrast ist so irrwitzig wie einleuchtend. Die Ausstellung „Constantin Brancusi und Richard Serra. A Handbook of Possibilities“ in der Fondation Beyeler bei Basel inszeniert zwei Ausnahmekünstler, die jeweils eine Entwicklung der modernen Bildhauerei zum Abschluss bringen. Führte der 1876 in Rumänien geborene Brancusi mit seinen reduzierten Köpfen, Vögeln und Stelen die Abstraktion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem Höhepunkt, so war es für die 80er Jahre der 1939 in San Francisco geborene Richard Serra mit seinem materialbetonten Minimalismus. Hier fein ausgearbeitete Volumen, dort tonnenschwere Stahlplatten.

Gleich im Foyer behauptet sich Serras drei Meter hohe, neun Meter breite Stahlplatte „Fernando Pessoa“ (2007/08) mit ihrer korrodiert schimmernden Oberfläche. Wendet sie sich nicht gegen alles Vollendete? Wehrt es sich nicht gegen das Figurative eines Brancusi, dem man schon im ersten Ausstellungsraum mit seinen frühen, betörend anschmiegsamen Figurinen begegnet? „Ich sehe ihn als ein Handbuch künstlerischer Möglichkeiten“, bekannte Serra einmal.

Es gibt noch eine weitere Verbindung. Brancusi starb 1957 in Paris. Da war Serra gerade 18 Jahre alt. Neun Jahre später fertigte er, mit einem Reisestipendium ausgestattet, Skizzen in Brancusis Pariser Atelier an: Es war Serras Initiation in die Bildhauerei. Brancusis Marmor-Torsi und Serras frühe Arbeit „Belts“ (1966/67), in Knäueln an die Wand gehängte Gummistreifen, treten in Basel nun in Beziehung. Unabhängig von Analogien entfaltet die Konfrontation der über 40 hochkarätigen Brancusi-Arbeiten mit zehn Werken Serras einen Zauber. So frisst der wetterbeständige Stahl von Serras „Olson“ (1986) förmlich das Licht, das über die großen Scheiben in den Saal fällt, und seine zwei konisch gebogenen, drei Meter hohen Platten kippen bedrohlich in Richtung des Betrachters. Brancusis polierte Bronzeköpfe und Figuren wiederum glänzen kostbar.

Wirkt Brancusi oft wie entrückt, drängt Serra in die Welt hinein. Er fordert den Betrachter zu starken Affekten auf, wie in der aus zwei Stahlplatten bestehenden Arbeit „Delineator“ (1974/75). Sie provozieren ein Schwanken zwischen Geborgenheit und Bedrohung. Als Abschluss eine Raumflucht mit Serras achteinhalb Tonnen schweren Quadern „The Consequence of Consequence“ (2011) und Brancusis „La négresse blanche“ und „La négresse blonde“ (1923 und 1926), deren Labilität eine eigene Schönheit entfaltet. Ein Gegensatz, der die Verbundenheit der beiden Künstler nochmals eindrücklich vorführt. Max Glauner

Fondation Beyeler, Riehen/Basel, bis 21. August, Katalog 68 CHF

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